Zeitreisender in Sachen Wirtschaft

Zusammen mit Zeichner Dan E. Burr erklärt Michael Goodwin die Geschichte und die Theorie der Wirtschaft im Comic «Economix»: Der ist leicht verständlich, hochinformativ, grossartig erklärt und ungeheuer unterhaltsam.

20. Februar 2014, 02:34
VALERIA HEINTGES

Michael Goodwin verstand die Welt nicht mehr. Genauer: die Welt der Wirtschaft. Er wollte sie aber verstehen und fand, dass das auch vonnöten war. Er begann also, Bücher über Volkswirtschaftslehre zu lesen, verstand aber nicht viel mehr, weil ihm immer noch der grosse Zusammenhang fehlte. Also nahm er sich die grossen Theoretiker vor – Keynes, Smith, Malthus, Ricardo und Marx – und sah endlich klarer. Da beschloss er, anderen Menschen den Weg zur Erkenntnis zu verkürzen. Das Ergebnis: «Economix». Ein Lehrbuch der Wirtschaft und der Wirtschaftstheorien – als Comic.

Vom Mittelalter bis heute

Texter Michael Goodwin und Zeichner Dan E. Burr erzählen die Geschichte der Wirtschaft – und zwar genau in diesem Doppelsinn. Dabei ordnen sie ihr 300-Seiten-Werk streng chronologisch. Das erste Kapitel beginnt im Mittelalter und endet 1820, das achte «Die Welt von heute» fängt 2001 an und endet in der Jetztzeit.

Dazwischen liegen unzählige Versuche, den Markt zu etablieren, neu zu ordnen, zu reformieren oder zu revolutionieren. Und dazwischen liegen die Gedanken zahlreicher Wissenschafter, die alle mit ihren Theorien die Welt erklären wollen.

Der erste ist Jean-Baptiste Colbert (1619–1683), der noch Geld und Reichtum gleichsetzte, den Merkantilismus erfand, in dem sich ein Land mit Zöllen, Exportförderung und genauen Vorschriften von anderen absetzt. Dan E. Burr zeichnet ihn mit langer, lockiger Perücke und fein gestutztem Bartgebilde. Das merkantilistische System funktioniert, die Holländer sind so verunsichert, dass sie ihre Minister lynchen und Krieg führen.

Autor tritt selbst auf

Im Panel mit den kämpfenden Karavellen sitzt ein junger Mann heftig rudernd in einem kleinen Boot. Er hat eine moderne eckige Intellektuellenbrille auf der Nase und ein schwarzes T-Shirt an. Der Leser kennt ihn schon: Es ist Michael Goodwin selbst, der als Zeitreisender in Sachen Wirtschaftsaufklärung unterwegs ist und das Geschehen erläutert und kommentiert.

Zwei Theoretiker später ist Goodwin schon bei Adam Smith (1723–1790) angekommen. Seine je zwei Lockenröllchen über den Ohren, seine riesige Nase und seine elegant gekurvten Augenbrauen werden dem Leser immer wieder begegnen. Denn seine Theorien prägen unser Wirtschaftssystem bis heute – wie die der «unsichtbaren Hand», die den Markt steuert, wenn die Kräfte frei walten können.

Allerdings behauptet Goodwin, dass dessen Anhänger «mehr Zeit damit verbringen Smith zu verehren, als ihn zu lesen». Denn der sah sehr konkrete Punkte, wo dem Markt Grenzen gesetzt werden sollten. Und er warnte vor überhöhten Profiten, einer Gesellschaft, in der die Arbeiter in Armut leben, und vor Kapitalisten, «als einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dasselbe ist wie das der Allgemeinheit». Da ist der Comic auf Seite 27 – und schon mitten in der Gegenwart.

Natürlich wird die Wirtschaft noch viel komplexer, ebenso die Steuermechanismen und das Geflecht der Interessen. Und doch zeigt sich schon hier, wie sehr die Diskussionen um den Weg aus Krisen von subjektiven Meinungen geprägt sind.

Viele Theoretiker beschäftigten sich mit einem theoretischen Markt, den sie in der Theorie beschrieben – aber die Praxis entspricht so viel Theorie nicht unbedingt. An Punkten wie diesen macht Goodwin keinen Hehl aus seiner politischen Einstellung, seiner Skepsis vor der Gemengelage von Politik und Wirtschaft.

Transparentes Konzept

Doch begründet er seine Einstellungen, stellt Theorien objektiv vor, verdeutlicht seine Kritikpunkte, nennt seine Quellen und reichert sein Buch mit einer recht langen Literaturliste an. Er fordert auch den Leser immer wieder deutlich auf, sich mit der Materie zu beschäftigen, denn «wir haben erst an der Oberfläche gekratzt», wie er im drittletzten Panel schreibt. Dass Goodwin als Amerikaner den Schwerpunkt dabei auf sein Heimatland legt, ist manchmal etwas einseitig, aber angesichts Amerikas wirtschaftlicher Vormacht doch akzeptierbar.

So ist es Goodwins grosses Verdienst, mit einfachen, einleuchtenden Erklärungen dem Leser Wissen an die Hand zu geben und Einsicht zu vermitteln. Selbst so komplizierte Themen wie Ricardos Theorie des komparativen Kostenvorteils oder das komplexe System der Credit Default Swaps werden verständlich erklärt. Das ist natürlich auch das Verdienst von Dan E. Burr, der mit seinen unkolorierten Schwarz-Weiss-Zeichnungen die Theorie bildmächtig, humorvoll und eingängig illustriert.

Nöte und Sorgen bleiben gleich

Burr verleiht jedem Theoretiker sein je eigenes, etwas karikiertes Gesicht, dass man die Herren sofort wiedererkennt. Die anderen, namenlosen Menschen sind cartoonartig, austauschbar gezeichnet. Ihre Kleider und Haartrachten verorten sie in ihren Ländern, ihrer Zeit, ihrem Status. Ihre Nöte und Sorgen bleiben über die Jahrhunderte aber erschreckend gleich.

Michael Goodwin (Text), Dan E. Burr (Illustrationen): Economix. Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht), Jacoby & Stuart 2014, 304 S., Fr. 28.50. www.economixcomix.com

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