Zeitreise in die Kindheit

Persönliche Fotografien überträgt Beatrice Dörig in Ölbilder. Oft holt sie dabei die Vergangenheit in die Gegenwart. Nie sind es gestellte Bilder, sondern wie vom Zufall regierte. Zu sehen sind die Arbeiten in der Galerie vor der Klostermauer.
14. Juni 2010, 01:01
Christina Genova

Jeder von uns kennt sie, diese Schnappschüsse aus dem Familienalbum, die sich in unser persönliches Bildergedächtnis eingebrannt haben. Fotografien, bei deren Betrachtung ein Film im Kopf abläuft – weil es nicht bloss Momentaufnahmen sind, sondern geradezu exemplarisch für unsere Erinnerung an eine bestimmte Zeit oder ein besonderes Ereignis in unserem Leben.

Solche Bilder aus ihrem persönlichen Fundus hat Beatrice Dörig für ihre erste Einzelausstellung in der Galerie vor der Klostermauer in Öl gemalt. Bis vor zwei Jahren war sie Co-Leiterin im Figurentheater St. Gallen. Dann aber zog es sie immer stärker von der angewandten zur bildenden Kunst hin, und seither arbeitet sie freiberuflich als Künstlerin und Gestalterin.

Zurück in die Kindheit

Ausgangspunkt für diese Bilderserie war, dass Beatrice Dörig die besondere Ästhetik und die ähnliche Bildsprache von Familienfotos aus den 1970er-Jahren auffiel. Das erste Bild, das daraufhin entstand, zeigt die Künstlerin selbst, als Dreijährige an einem Kindertischchen sitzend. Die kleine Beatrice schaut den Betrachter, der nun den Blickwinkel des Fotografen einnimmt, mit einer Mischung aus Überraschung und leichter Irritation an. Die Fotografie wurde vor fast vierzig Jahren aufgenommen.

Subtile Wirkung

Indem die Künstlerin diese malerisch umsetzt, begeben wir uns mit ihr auf eine Zeitreise zurück in ihre Kindheit. Gleichzeitig wird das Kind von damals in die Gegenwart katapultiert und die Vergangenheit gegenwärtig. Durch das Festhalten in Öl erhalten die Fotografie und der scheinbar zufällige Moment, den sie einfängt, einen besonderen Wert.

Der Reiz von Beatrice Dörigs Bildern besteht in der subtilen Wirkung, die sie entfalten, und den Fragen, die sie auslösen. Wie viel von diesem Kind von damals steckt in der Frau von heute? Was machte eine Kindheit in den Siebzigerjahren aus? Welche Erfahrungen sind persönlich und welche entsprechen dem Lebensgefühl einer ganzen Generation? Dadurch erhalten Fotografien, die scheinbar nur im Kontext des eigenen Lebens einen Sinn ergeben, plötzlich übergeordnete Bedeutung: «Die Fotografien lösen sich wie ein Abziehbild von meiner Person», um es mit den Worten von Beatrice Dörig auszudrücken.

Motiv bleibt unverändert

Die Auswahl der Fotografien ist für die Künstlerin zentral, weil sie am Motiv selbst nichts verändert, sondern es nur vergrössert. Etwas Spielraum lässt sie sich bei den Farbtönen. Immer halten die Fotografien eine Bewegung fest, sei es eine, die bereits im Gange ist, oder eine, die sich gerade erst anbahnt. Niemals sind es gestellte Bilder, immer ist es der Zufall, der mit Regie geführt hat.

Die Arbeit an einem Bild führte Beatrice Dörig zum jeweils nächsten Motiv der Serie. Die Fotografien aus ihrer Kindheit wiesen ihr den Weg zu Reise- und Ferienbildern aus der näheren Vergangenheit. Auf das Familienbad Drei Weieren von 1969 folgte eine Fotografie vom Strand von Argentario. Dort hat die Künstlerin vor kurzem im erweiterten Familienkreis die Ferien verbracht. Eine ihrer beiden Töchter ist ebenfalls auf dem Bild. Sie schläft unter einer Decke und ist bereits um einiges älter als die kleine Beatrice auf der Fotografie aus den frühen Siebzigern.

Bis 27. Juni, Galerie vor der Klostermauer (Zeughausgasse 8, St. Gallen). Do + Fr: 18–20; Sa: 11–15; So: 10–12 Uhr; Sonntagsapéro: 20. und 27. Juni, 10–12 Uhr

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