Wie man Schweizer Brauchtum in Chile pflegt

Was bedeutet Heimat für Chilenen, deren Vorfahren einst aus der Schweiz auswanderten? Die Compagnie Trop Cher To Share hat vor Ort, in der «chilenischen Schweiz», nach Antworten gesucht. Ihr Stück «Arcadia» zeigt Menschen, die zwischen zwei Ländern nach ihren Wurzeln suchen – und Apfelkuchen gibt's auch.
13. Juni 2014, 02:35
ROGER BERHALTER

Was ist Heimat? So abstrakt diese Frage ist, so konkret und frisch sind die Antworten, welche die Compagnie Trop Cher To Share ab morgen in der Grabenhalle gibt. Die Bieler Compagnie zeigt in ihrem neuen Stück «Arcadia», wie die Nachfahren von Schweizer Auswanderern in der chilenischen Region Araukanien das helvetische Brauchtum pflegen.

YouTube gab den Anstoss

«Wir sind eigentlich per Zufall auf das Thema gestossen», sagt Nina Willimann von der Compagnie Trop Cher To Share. Auslöser sei ein YouTube-Clip gewesen, der eine 1.-August-Feier in Chile zeigt – inklusive Trachten, Alphorn und Fondue-Plausch. «Wir fragten uns: Was geht in den Köpfen dieser Menschen vor?» Bald plante Nina Willimann eine Reise dorthin, zusammen mit der chilenischen Tänzerin Paulina Alemparte Guerrero und dem schweizerisch-chilenischen Videokünstler Aldir Polymeris. Zu dritt erkundeten sie die «chilenische Schweiz», wie Araukanien wegen des Klimas genannt wird, und sie befragten die Nachfahren jener Schweizer Siedler, die im 19. Jahrhundert in die Region ausgewandert waren. Die Kontakte zu den Leuten vor Ort vermittelte der Filmer des genannten 1.-August-YouTube-Clips – ein Exil-Chilene, der heute in Genf lebt.

Viele Klischees, viele Mythen

In Araukanien erlebte Nina Willimann einige Überraschungen. So war das Schweizer Brauchtum, das sie in Chile vorfand, oft gar nicht so schweizerisch. «Vieles, was die Leute als vermeintliches Kulturgut pflegten, kannten sie nur aus dem Internet.» Und statt einer realistischen Vorstellung von der Schweiz bot sich den Besuchern ein äusserst klischiertes Heimatbild. So wie Chile den helvetischen Auswanderern im 19. Jahrhundert als «Arkadien» verkauft wurde – als utopisches Land fern aller Mühsal – so sehen heute viele Nachfahren jener Siedler die Schweiz als idyllisches, in der Ferne glänzendes Land.

Max Frisch fragt mit

In diesem Milieu betrieb die Compagnie Trop Cher To Share im vergangenen Februar Feldforschung. Die drei Besucher wohnten im Gebäude eines ehemaligen Schweizer Konsulats, sie lernten von einer Ballettgruppe vor Ort «Schweizer» Tänze, und sie stellten vor allem viele Fragen: Wie gut kennen Sie die Schweiz? Sind Sie Schweizer, Chilene oder beides? Ihre standardisierten Fragen spickten sie dabei mit Zeilen aus Max Frischs «Fragebogen».

Die Zuschauer sitzen an Tischen

Mehr als 60 Stunden Filmmaterial sind so zusammen gekommen. Ausschnitte daraus zeigen Nina Willimann, Paulina Alemparte Guerrero und Aldir Polymeris in ihrem neuen Stück «Arcadia». Doch nicht nur das. Sie führen auch Tänze auf, tragen Schweizer Trachten, die sie in Chile nähen liessen, und sie backen vor Ort einen Apfelkuchen, den die an Tischen sitzenden Zuschauer auch probieren dürfen. Wie eine 1.-August-Feier soll «Arcadia» werden. Nur eben nach chilenischer Art.

Morgen Sa/So, Grabenhalle, 20 Uhr; Reservation unter arcadia.reservation@gmail.com

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