«Widerstand ist entscheidend»

Der Schriftsteller und Dramaturg Lukas Bärfuss spricht über Wahnsinn und Widerstand, Politik und Poesie. Und versagt sich die Sehnsucht.
13. April 2016, 02:35
RICHARD CLAVADETSCHER/DIETER LANGHART

Herr Bärfuss, wie geht es Ihnen?

Lukas Bärfuss: Jetzt? Bei diesem Wetter – wie kann es da einem nicht gut gehen.

Wir stellten die Frage nach dem Befinden mit Hintersinn: Nach Ihrem Gastbeitrag «Die Schweiz ist des Wahnsinns» in der FAZ warnte Sie Schriftstellerkollege Pedro Lenz vor der Rache der Herausgeforderten. Was also ist mit der Rache?

Bärfuss: Sie müssten die Herausgeforderten fragen, welche Ränke sie vielleicht schmieden wollen. Ich habe davon bis heute nichts gespürt. Doch, mir geht es gut.

Sie haben auch nicht darunter gelitten, dass Leute böse auf Sie zukamen?

Bärfuss: Es geht ja nicht um mich und mein persönliches Empfinden. Es geht um etwas viel Wichtigeres: um die Unabhängigkeit der Medien. Dass die Journalisten ihre Arbeit tun können jenseits finanzieller und politischer Einflussnahme.

Es ist ja lange Zeit beklagt worden, heute äusserten sich die Intellektuellen nicht mehr zur Schweiz – anders als zu Zeiten Dürrenmatts und Frischs. War diese Klage für Sie Ansporn, der Schweiz wieder einmal die Leviten zu lesen?

Bärfuss: Nein. Ich bin seit einiger Zeit in der Öffentlichkeit tätig als Schriftsteller und Theaterautor. Das Theater ist per se ein Ort des öffentlichen Diskurses. Als Schriftsteller habe ich ein vitales Interesse an einer differenzierenden und kritischen Öffentlichkeit und dass ich meine Literatur – überhaupt die geistige Produktion dieses Landes – mit der nötigen Sorgfalt und Differenzierung betrachten und lesen kann.

Wird sonst Ihre Arbeit sinnlos?

Bärfuss: Ja. Ich brauche ein Echo. Ich brauche Widerstand. Dafür kämpfe ich. Und ich bin immer wieder erstaunt, dass das Anlass gibt zur Rechtfertigung. Dazu müssen sich alle äussern, die sich in dieser Öffentlichkeit bewegen.

«Die Schweiz ist des Wahnsinns»: Diese Diagnose gilt nach wie vor?

Bärfuss: Ich behaupte, dass die Anteile der Psychopathologie in einer Gesellschaft immer vorhanden sind.

Da war inzwischen immerhin die Durchsetzungs-Initiative. Anlass zur Hoffnung?

Bärfuss: Hoffnung besteht immer. Sie haben recht, dass die Lebenszeichen der demokratischen Öffentlichkeit wieder sichtbarer geworden sind.

In Ihrem FAZ-Gastbeitrag kritisierten Sie auch die ökonomische Elite der Schweiz. Wir treffen Sie heute in der HSG, der Kaderschmiede dieser Elite. Was führen Sie im Schilde?

Bärfuss: Ich werde eine Woche mit Studierenden über soziale Ungleichheit reden. Das Seminar heisst «1 : 99» und bezeichnet die Verteilung des Reichtums. Gerade in den bürgerlichen Romanen der letzten 200 Jahre spielte die Armut eine wesentliche Rolle. Weniger aus einem empathischen, humanistischen Gedanken heraus, sondern weil die Armen, die Marginalisierten stets auch die Träger der Erfahrung sind.

Auch in der Ostschweiz?

Bärfuss: Gerade hier ist etwa die Erinnerung an die grosse Hungersnot 1815, an den Grasfrass und die Hungertäfelchen, eingeschrieben in die Geschichte. Ich versuche, mit den Studenten historisch, literarisch, aber auch wirtschaftlich diese Erfahrung zu heben und nutzbar, urbar zu machen.

Sie stehen als Schriftsteller auch im Wettbewerb – im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Leser. Wie sehr ist dies in Ihrem Kopf, wenn Sie schreiben?

Bärfuss: Eine wichtige Frage. Natürlich ist da Konkurrenz, aber die Konkurrenz mit den zeitgenössischen Schriftstellern erachte ich als nicht so hart. Die grosse Konkurrenz besteht mit den Toten, mit den Büchern, die bereits geschrieben worden sind.

Worin besteht sie genau?

Bärfuss: Die Nachwelt wird über den Gehalt unserer Zeit urteilen, wir werden nicht nur von der heutigen Zeit beurteilt. Das ist wesentlich für jeden Autor, der sich in einer geschichtlichen Entwicklung und Tradition begreift. Das verpflichtet durchaus.

Emil Staiger hat gesagt, die deutschsprachige Literatur sei mit Jean Paul zu Ende gekommen. Stimmt dies?

Bärfuss: Diesen konservativen, reaktionären Kulturpessimismus habe ich nie geteilt. Und da ist auch die Ansicht, dass die deutsche Literatur mit der Vernichtung der europäischen Juden aufgehört hat; sie scheint mir wesentlicher.

Also?

Bärfuss: Die Literatur ist sehr lebendig. Und sie ist für mich kein nationalstaatliches, nicht einmal ein nationalsprachliches Phänomen. In unserer Kultur gibt es eine Tradition, die über die Sprache hinausgeht. Sich mit den Klassikern auseinanderzusetzen, ist eine beständige Arbeit.

Wer bestimmt die Regeln für den Erfolg? Sind es die Verlage, die Kritiker, die Leser?

Bärfuss: Nein, der Autor. Er entscheidet über den Erfolg. Natürlich sind da Parameter, die ich schwer beeinflussen kann, und entscheidend sind nicht nur Verkaufs- oder Zuschauerzahlen. Oft waren für mich Texte sehr wichtig, die kein Echo gefunden haben. In der Kunst lässt sich Erfolg nur sehr ungefähr definieren. Seit ich schreibe, erfahre ich mich als erfolgreich und privilegiert.

Was ist Ihnen wichtig an dieser Resonanz?

Bärfuss: Am meisten freut mich, wenn ich merke: Es gibt eine Leserin, da hat mein Text ein Gegenüber gefunden.

Mittelmässige Autoren sagen gern, ihnen sei ein Verriss wichtiger als gar keine Beachtung im Feuilleton. Wie gehen Sie mit publizierter Kritik um?

Bärfuss: Vieles lese ist nicht mehr. Wenn ich etwas lese, das mir nicht gefällt, habe ich 24 Stunden schlechte Laune. Dann arbeite ich weiter. Eine Auseinandersetzung braucht nicht unbedingt zustimmend zu sein, da kann etwas in Bewegung kommen…

…man kann sich reiben daran?

Bärfuss: Absolut. Widerstand ist etwas Entscheidendes in der Kunst.

Das grosse Thema, auch bei Ihnen, ist Literatur und Politik. Rolf Lappert meinte kürzlich bei den Wortlaut-Literaturtagen in St. Gallen, man müsse Literatur und Politik trennen – aus Zorn einen Roman zu schreiben, ergebe keinen guten Roman. Spüren Sie Zorn in sich, wenn Sie schreiben?

Bärfuss: Wenn das Herr Lappert so sagen kann, mag das zutreffen. Ich könnte Ihnen ein Dutzend wichtige Werke der Weltliteratur nennen, die im Zorn geschrieben wurden. Ich will die Wut nicht geringschätzen, und wenn ich beim Schreiben alle Affekte ausschalten würde, könnte ich keinen anständigen Text verfassen. Die Emotionen des Autors sind manchmal hilfreich und manchmal überhaupt nicht.

Nochmals: Muss Literatur auch politisch sein, eine politische Haltung einnehmen?

Bärfuss: Es liegt am Verb. Kann sie? Darf sie? Ja, sie darf! Die Bundesverfassung garantiert das Recht auf freie Meinungsäusserung. Soll sie? Das muss jeder für sich beantworten, er hat eine gewisse Verantwortung. Muss sie? Werden wir bestraft, wenn wir es nicht tun? Nein. Letztlich wird die Literatur mit dem eigenen Leben bezahlt. Und weil es Autoren gab, die dazu bereit waren, profitieren wir von ihren Werken. Wenn wir uns überlegen, was es uns bringt, ist das konformistisch und opportunistisch.

Mögen Sie Brecht?

Bärfuss: Nicht alles! Brecht ist einer der grössten Lyriker der deutschen Sprache.

Interessant ist, dass Sie Brecht zuerst als Lyriker bezeichnen, nicht als Aufklärer.

Bärfuss: Ich selber komme von der Lyrik her, meine Bibliothek ist voll davon, ich habe mein Handwerk von der Poesie gelernt, obwohl ich sie nie veröffentlicht habe.

Warum nicht?

Bärfuss: Ich habe übersetzt, habe mich in Formen versucht, aber ich hatte nicht den Ehrgeiz, Lyrik zu publizieren.

Die «Weltwoche» hat sie vor gut einem Jahr als «Sinnbild des trübsinnigen Mahnfinger-Intellektuellen» bezeichnet, Ihnen aber «ganz neue Töne» attestiert, da Sie in der NZZ geschrieben hatten, statt in den Abgesang auf unsere Kultur einzustimmen, sei es Aufgabe Ihrer Generation, «die Fröhlichkeit in die Strassen zu tragen». Sind Sie ein ernster oder ein fröhlicher Mensch?

Bärfuss: Man kann doch beides sein! Im Humor steckt die grösste Ernsthaftigkeit. Wer meine Bücher und Stücke liest, findet den Humor an ganz zentraler Stelle. An Lesungen und im Theater höre ich oft ein sardonisches Gelächter.

Ist Ihr jüngstes Buch «Koala» ein Buch für Männer? Es wirkt sehr rational, als müssten Ihre Gefühle für Ihren Bruder draussen bleiben. Haben Sie Ihre Gefühle quasi in Australiens Kolonialgeschichte ausgelagert?

Bärfuss: Sie haben recht: Es gibt eine Position, die eine gewisse Distanz voraussetzt. Ich glaube, man kann ein solches Buch nur schreiben, wenn man einen Distanzierungsapparat aufbaut. Doch in dieser Distanz gibt es zahlreiche Gefühle. Nur ein Gefühl gibt es nicht: die Sentimentalität. Wenn kein erkenntnistheoretischer Ansatz da ist bei der Erkundung der eigenen Gefühle, ist sie wertlos. Im Kampf gegen die eigenen Sentimentalitäten tauchen Sehnsuchtskreaturen auf – und die sind beim Schreiben kaum hilfreich, auch nicht beim Lesen.

Wie stehen Sie zur Sehnsucht?

Bärfuss: (zögert) Eigentlich versage ich mir die Sehnsucht, weil ich das, was ich mir wünsche, gerne heute möchte und nicht gestern gehabt haben und nicht bis morgen warten will.

Lukas Bärfuss spricht heute Mittwoch um 18.15 Uhr in St. Gallen über Konkurrenz und Konformismus. Die «Haniel-Vorlesung» an der Universität (Bibliotheksgebäude, Audimax, Raum 09-010) ist öffentlich.

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