Werdet endlich erwachsen!

Erwachsenwerden kommt heutzutage einem Widerstand gleich, sagt die Philosophin Susan Neiman. Und poltert gehörig gegen unsere kindische Gesellschaft, die sich weigert, alt, aber eben auch weise zu werden.
12. März 2015, 08:38
Katja Fischer De Santi

Wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man Autofahren darf, abstimmen könnte, Steuern zahlen sollte und für seine Taten büssen muss, sagt der Jurist. Wenn du deinen Platz im Leben gefunden hast, sagen die Eltern. Wenn du dir eine Eigentumswohnung kaufst, scherzen die Freunde. Wenn du endlich ein Kind gezeugt hast, poltert die Tante.

Erwachsen, das waren doch immer nur die anderen. Die Langweiler, die Angepassten, die Karrieristen, die Seriösen. Die Vernünftigen, die das Träumen aufgegeben haben und sich stattdessen ein Einfamilienhaus gekauft haben.

Peter Pan als Ideal

«Weil es uns nicht gelungen ist, Gesellschaften zu schaffen, in die unsere Jugend gerne hineinwachsen möchte, idealisieren wir die Phasen der Kindheit und Jugend», schreibt die bekannte Philosophin Susan Neiman in ihrem neusten Buch «Warum erwachsen werden?». Es sei nicht verwunderlich, dass selbst sehr reflektierte Erwachsene sagten, sie würden lieber Peter Pan sein und diesen auch noch als subversiven Helden darstellen. «Weil er sich sein Staunen, seine Naivität bewahrt hat – nie erwachsen werden musste.»

Doch gegen welchen Preis? Peter Pans Fähigkeit besteht nämlich allein darin, dass er Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren, vergisst. Er bewahrt sich so sein Bild einer perfekten Welt. Aber die Welt ist nicht perfekt, dies anzuerkennen, sei denn wohl auch der erste Schritt Richtung Erwachsensein, ist Neiman überzeugt. «Wie wir darauf reagieren, ist der Schlüssel zur Frage, ob wir erwachsen werden oder nicht.»

Die Welt, wie sie nicht sein sollte

Erwachsen werden bedeutet zuallererst einmal vor allem, Abschied zu nehmen von Ideen, Idealen, Träumen.

Kinder glauben in eine gerechte Welt hineingeboren zu werden. Und alle Eltern würden sich redlich bemühen, diesen Glauben so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Doch vergebens. Auch Kinder werden enttäuscht und verletzt.

Wut und Idealismus

Teenager schliesslich reagieren mit Wut und Abgrenzung auf die Erkenntnis, dass die Kluft zwischen dem, wie die Welt sein sollte – gerecht, liebevoll, friedlich – und wie sie ist – ungerecht, böse, kriegerisch –, immens gross ist. Worauf, laut Neiman, die Zeit des Idealismus folge. (Kein Mensch darf getötet werden, alle Tiere müssen gerettet werden, jeder Politiker ist korrupt.) Resignation und Anpassung kommen einem Teenager-Hirn noch nicht in den Sinn, zu frisch sei die Erkenntnis der Ungerechtigkeit.

Die Welt werden wir nicht retten

Doch der Mensch gewöhnt sich, gewöhnt sich an Regenbogen und Sonnenuntergänge, aber auch an die Ungerechtigkeit. Gewöhnt sich daran, dass aus dem riesigen, verheissungsvollen Berg an Lebensmöglichkeiten, ein kleines Häuflein reales Leben zusammengeschrumpft ist. Er wird die Welt wohl doch nicht retten, kein Filmstar werden, kein Villenbesitzer und auch kein Arktisforscher. Er ist doch so geworden wie die Welt, die er einst zu verbessern versuchte. Daran nicht zu zerbrechen, nicht zynisch oder alkoholabhängig zu werden – darin liegt wohl schon ein grosser Teil des Erwachsenwerdens.

Nur keine Resignation

Doch der Philosophin Susan Neiman ist das nicht genug. «Erwachsen sein bedeutet nicht, seine Ideale aufzugeben, es bedeutet lediglich, sie immer wieder zu überdenken – ohne der Resignation zu verfallen.» Auch nicht erwachsen werden zu wollen sei keine Lösung. Indem man der Jugend hinterherhängt, kommt man nicht besonders weit. Wer nicht erwachsen werden wolle, bleibe in einem ewig enttäuschten Idealismus gefangen, in Empörung, die nirgendwo hinführt, in Leidenschaften, die sich ständig neue Objekte suchen müssen.

Im übrigen sei die Verachtung des Erwachsenseins nur etwas, «das Menschen davon abhält, endlich ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen und sich um ein Leben zu kümmern, das ihrer Vernunft ein wenig besser genügt».

Mit Luxus ablenken

Nur haben sich leider viele Menschen ziemlich gut in diesem Zwischenzustand eingerichtet. «Sie lenken sich mit allen möglichen Verlockungen des Luxus, des Internets von den wirklich wichtigen Fragen des Lebens ab.» Weigerten sich, Verantwortung zu übernehmen, und blieben zuletzt unter ihren Möglichkeiten, die sich (vielleicht) ergäben, nähme man die Mühe auf sich, erwachsen zu werden.

Neiman ist sich bewusst, dass ihre Definition von Erwachsensein à la Kant anstrengend und herausfordern ist. Es erlaubt keinen Zynismus, der sich über die Welt erhebt, kein Stoizismus, der sich die Leidenschaften abgewöhnen will, auch kein blosses Nachlassen und Bequemwerden.

Pragmatischer formuliert: Das Erwachsensein (und das Alter) widerfährt einem ohnehin, also kann man es vielleicht auch gestalten, statt es bloss zu ertragen. Was laut Neiman dabei hilft: Reisen (nicht wie ein Tourist, sondern wie ein Entdecker), lesen (auch die Klassiker), arbeiten (lange und sinnerfüllt) und sich nicht ablenken lassen. Klingt immer noch zu anstrengend, dann hilft zum Schluss vielleicht dies: «Erwachsen zu werden dauert meist ein ganzes Leben lang.»


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