Wärmende Klänge im Frost

Am 9. Nordklang-Festival am Wochenende waren skandinavische Bands in St. Gallen zu Gast. Manchen Nordländern war die Stadt zu kalt, und einer griff bei seinem Auftritt spontan auf ein hiesiges Instrument zurück. Ein Rundgang.
09. Februar 2015, 02:35
ROGER BERHALTER

ST. GALLEN. Petrus hat St. Gallen seit Tagen auf das Nordklang eingestimmt. Doch mit dem Frost meint er es schliesslich zu gut: Die dänische Band Get Your Gun verzichtet am Samstag auf den geplanten Stadtspaziergang mit einem St. Galler Männerchor. Es ist schlicht zu kalt für Stimmen und Instrumente. Dafür macht die schwarz gekleidete Truppe den akustischen Auftakt im Pfalz- und Hofkeller. Andreas Westmark sieht mit seinem Rauschebart und dem breiten Hut aus wie ein Totengräber. Mit wuchtiger, klagender Stimme führt er das Ensemble durch drei monotone Lieder. Eine gleichsam bedrückende wie berührende Einlage und eine weitere gelungene Kollaboration zwischen Skandinavien und St. Gallen, wie sie mittlerweile fester Bestandteil des Nordklangs sind.

St. Galler Synthesizer im Einsatz

Spontan knüpft ein Däne weitere Bande mit St. Gallen. Mike Sheridan, der 23 Jahre junge Ambient-Tüftler, verwendet für seine Nordklang-Auftritte am Freitag (siehe Zweittext) und Samstag nämlich ein St. Galler Instrument. Den «Kosmonauten», einen analogen Synthesizer aus der Werkstatt von Marko Tomovic (alias Klangforscher) und Angela Janes. Sheridan kam mit Tomovic in der Lokremise ins Gespräch, die beiden fachsimpelten lange über analoge Klanggeräte, bis der Däne den St. Galler bat, ihm doch einen «Kosmonauten» zur Verfügung zu stellen. Kurzerhand hat Sheridan das klobige Teil in sein Set eingebaut.

Mitten in der Technoparty

Mike Sheridan ist kein bequemer Einstieg in den Samstagabend. Manche haben wohl Songs oder mindestens Melodien erwartet und nehmen nach den ersten Störgeräuschen Reissaus. Der Däne macht es den Zuhörern nicht einfach, dreht ihnen gar den Rücken zu, während er den Sound seiner Synthesizer im Kreis durch den Pfalzkeller jagt. Das Konzert funktioniert am besten, wenn man sich den eigenen Assoziationen hingibt, die Sheridans Musik unweigerlich weckt. Einer muss an «eine Wiese mit zirpenden Grillen» denken, «im Innern eines Termitenhügels» wähnt sich eine andere Zuhörerin. Oder so: Es ist, als sässe man mitten in einer Technoparty, in der jemand das Bumbum abgestellt hat.

Hüpfendes Haarbündel

Nach diesem analogen Gewitter tut es gut, im Hofkeller auf psychedelischen Wolken zu entspannen. Der Norweger Kyrre Bjørkås alias The New World Vulture singt gutgelaunt ins Mikrophon, drischt auf einen Blecheimer und liefert einen Stilmix zwischen Singer-Songwriter-Pop und Trash-Techno. Ein fröhlich-überdrehter Auftritt, der ganz von Bjørkås' Körpereinsatz lebt und viele Tanzfreudige anlockt.

Zu späterer Stunde feiert das Nordklang-Folk in der Grabenhalle mit Hermigervill. Der Isländer ist auf der Bühne ein hüpfendes Haarbündel und spielt mit Synthesizer und Theremin (!) Melodien wie aus frühen Rave-Tagen. Seine Beats sind für den Club eigentlich viel zu schwach auf der Brust, aber so herrlich naiv und sympathisch, dass sie dennoch funktionieren.

Der Abend endet mit Blaue Blume im Palace. Das dänische Quartett setzt mit flirrenden Gitarren und betörendem Falsettgesang einen schwelgerischen Schlusspunkt. Eine «kräfteschonende Ausgabe» sei es gewesen, sagt Veranstalter Felix van den Berg über das 9. Nordklang-Festival. Da freut man sich jetzt schon auf 2016, wenn alle Kraft ins Zehnjährige fliesst.


Leserkommentare

Anzeige: