Von Rausch und Ernüchterung

Der Jubiläumsjahrgang der Solothurner Filmtage präsentiert sich in bester Form: Mit wuchtigen Filmen wie «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» oder «Driften» und mit Talenten, die Hoffnung für die Zukunft machen.
26. Januar 2015, 02:35
Andreas Stock, Solothurn

Es gibt Grund zum Feiern. Beinahe gleichzeitig stand an den Festivals in Solothurn und Saarbrücken am Samstagabend die Feier des Schweizer Films im Zentrum. Im Städtchen am Jurasüdfuss war dies keine Überraschung. Hier wurde mit der Jubiläumsfeier der 50. Geburtstag der Filmtage gefeiert. Und während Bundesrätin Simonetta Sommaruga als Ehrengast in ihrer mit viel Applaus bedachten Rede im Landhaus an der Aare für mutige und unbequeme Filme eine Lanze brach, wurde am Max Ophüls Festival an der Saar der Schweizer Film mit einem Preisregen bedacht.

Das Festival in Saarbrücken ist das wichtigste deutschsprachige Festival für den Nachwuchs. Schweizer Filme gewannen sechs der wichtigen Preise. Darunter für «Chrieg» von Simon Jaquement der Hauptpreis und der Preis für Nachwuchsdarsteller Benjamin Lutzke. Das kraftvolle Jugenddrama lief am Zurich Film Festival und ist auch in Solothurn zu sehen.

Rausch der Geschwindigkeit

Drei Ophüls-Preise erhielt «Driften», der seine Schweizer Premiere in Solothurn feierte. Einen für Regisseur Karim Patwa, einen für das Drehbuch (Patwa und Michael Proehl) sowie den Preis der ökumenischen Jury. Der fesselnde «Driften» ist die Überraschung von Solothurn, denn zunächst erwartet man einen Film über den Rausch an der Geschwindigkeit, der eher amerikanischen Vorbildern nacheifert. Weit gefehlt. Max Hubacher («Der Verdingbub») spielt einen jungen Mann, der nach einem Raserunfall, bei dem ein Mädchen ums Leben kam, aus dem Gefängnis kommt und zurück ins Leben finden will. Dabei fühlt er sich von einer etwa zehn Jahre älteren Frau angezogen, bei der er Englischunterricht nimmt. Das intensive Spiel zwischen Hubacher und Sabine Timoteo zieht hinein in ein Drama um zwei zerrissene Figuren, um Verlust und Schuld. Von Co-Autor Michael Proehl war übrigens das Drehbuch des herausragenden «Shakespeare-Tatort» im Jahr 2014, «Liebe ist kälter als der Tod».

Rausch der Sexualität

Am meisten gespannt war man auf den ersten Kinofilm von Stina Werenfels seit dem hochgelobten «Nachbeben» (2006). Sehr lange musste sie für ihre Adaption des Theaterstücks «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» von Lukas Bärfuss kämpfen. Zum Glück hatte sie nicht aufgegeben. Denn das Ergebnis ist ein wuchtiger Film. Das Drama um das sexuelle Erwachen der 18jährigen, behinderten Dora ist unbequemes Kino, weil es brisante Fragen um Selbstbestimmung, mütterliche Liebe und Neid, pränatale Diagnose und Tabus wie Sexualität und Mutterschaft von behinderten Menschen nicht scheut. Und das mit einer Direktheit und Unbeschwertheit, die fesselt und irritiert. Deren Provokation liegt lediglich darin, dass Stina Werenfels die Antworten darauf dem Publikum überlässt. Die inhaltliche Herausforderung meistert Werenfels mit künstlerischer Souveränität. Mit einer Kamera (Lukas Strebel), die involviert, aber nicht zum Voyeur macht, und einer hervorragenden Besetzung. Viktoria Schulz als Dora ist eine Entdeckung. «Dora oder Die Sexuellen Neurosen unserer Eltern» wird an der Berlinale im Panorama laufen – und Preise, so viel dürfte gewiss sein, werden auch noch folgen.

Hommage an Jörg Schneider

Die gesellschaftliche Relevanz des Kinos war in Solothurn immer wieder Thema. Nun macht ein Thema zurzeit zwar einen Film interessant, doch deswegen wird daraus noch kein relevanter Film. Der Freitod wurde bereits in zahlreichen Dokumentar- und Spielfilmen aufgegriffen. Mit «Usfahrt Oerlike» drehte Paul Riniker ein Drama, das von seinen Hauptdarstellern Matthias Gnädinger und Jörg Schneider lebt. Der kranke Schneider verkörpert in seiner ersten Kinohauptrolle einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau, seines Hundes und der Tatsache, dass er nicht mehr allein wohnen kann, ziemlich lebensmüde wird. Die Konflikte, die Riniker aufbaut und in Wohlgefallen auflöst, sie machen den Film zur Hommage und Würdigung seines rührenden Hauptdarstellers.

Erfolg für Kuno Bont

Die Wiedergutmachung an Opfern einer «administrativen Verwahrung» ist brisant. Der Rheintaler Kuno Bont inszeniert mit «Das Deckelbad» so einen Fall. Das archaische Drama erinnert mit dem breiten, finsteren Pinselstrich an «Der Verdingbub». Hier wie dort ist das himmelschreiende Unrecht Grund genug, daran zu erinnern. Es fragt sich lediglich, ob sich der filmische Aufschrei so lautmalerisch gebärden muss. Das Publikum dankte mit langem Applaus. Kuno Bont darf sich darüber freuen, dass er einen der grossen Schweizer Verleiher gefunden hat, der den Film im April in die Kinos bringen wird.

Eine Kinoauswertung wünschen würde man auch dem erfrischenden Westschweizer Streifen «Tapis Rouge». Mit dokumentarischer Nähe inszeniert Frédéric Baillif die Geschichte eines Sozialarbeiters in der Lausanner Vorstadt, der mit einer Gruppe Jugendlicher ein Filmdrehbuch schreibt, das sie in Cannes verkaufen wollen. Eine einfache Geschichte, deren Optimismus sich immer wieder an der Realität reibt.

Keine Selbstläufer-Porträts

Wer ein gutes Thema findet, der hält so etwas wie einen Freipass für einen sehenswerten Dokumentarfilm in der Hand, würde man meinen. Wenn man sich den schönen «Christian Schocher, Filmemacher» ansieht, fühlt man sich bestätigt. Die St. Galler Marcel Bächtiger und Andreas Müller haben im Bündner Filmemacher einen so charismatischen wie interessanten Gesprächspartner. Doch ein «Selbstläufer» ist das für einen Film noch lange nicht, wie sich in «Thomas Hirschhorn – Gramsci Monument» zeigt. Hirschhorns Desinteresse am Film scheint mit Lüdins Desinteresse an den Menschen zu korrespondieren, mit denen der Künstler in der Bronx sein Sommerprojekt verwirklichte.


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