Von Chicago nach St. Georgen

Die Wurlitzer 647 ist 1923 geboren und diente lange in einem Theater im US-Bundesstaat Indiana. Jetzt wird sie in Chicago auf Vordermann gebracht und soll als spezielle Schönheit ab Ende 2014 die St. Galler Orgellandschaft bereichern.
22. Februar 2013, 01:38
MARTIN PREISSER

Der St. Galler Organist Bernhard Ruchti hat von seinem Amerika-Sabbatical 2011 nicht nur neue eigene Klavierkompositionen mitgebracht, sondern in San Francisco einen ganz speziellen Typ Orgel entdeckt: Die Wurlitzer. Man merkt ihm die Begeisterung an, wenn er die technischen Finessen dieser Instrumente erklärt, die zwischen 1910 und 1940 ihre Blütezeit als Theater- und Kinoorgeln hatten. Ruchti hat in San Francisco Kinos erlebt, in denen vor dem eigentlichen Film eine halbe Stunde hochkarätige Live-Musik auf Wurlitzer-Orgeln gespielt wurde. Der Klang hat ihn gepackt.

Hoher Winddruck

Es gibt heute nur noch zwölf unveränderte Original Wurlitzer-Orgeln, das Opus 647 wird am ersten Advent 2014 im evangelischen Kirchgemeindehaus St. Georgen eingeweiht, nach einer langen Reise von Chicago, wo Wurlitzer-Restaurator Jeff Weiler das Instrument aus einem Theater in LaPorte im US-Bundesstaat Indiana für die nächsten St. Galler Jahrzehnte herrichten wird. Amerikanische Wurlitzer-Orgeln sind eine Weiterentwicklung der klassischen Kirchenorgel und klanglich sehr interessante Instrumente. Der Winddruck ist bis zu zehnmal höher als bei einer normalen Orgel, die Pfeifen reagieren also viel schneller und direkter, was auch dem Klang mehr rhythmische Schärfe und Präzision verleiht. Bernhard Ruchti schwärmt von der elektromagnetischen Traktur und davon, dass jede Orgelpfeife der Wurlitzer einzeln angesteuert werde. «Der Klang ist edel und nobel, und den Kombinationen von Klangfarben sind technisch kaum Grenzen gesetzt.»

Die neunzigjährige Amerikanerin wird in St. Georgen die alte Kuhn-Orgel von 1947 ablösen. «Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Qualität dieses Kuhn-Instruments bei niemandem Begeisterungsstürme auslöst», heisst es im Projektbeschrieb. Vor allem das Pfeifenmaterial sei sehr bescheiden ausgeführt und dementsprechend klanglich beschränkt.

Bernhard Ruchti ist natürlich erfreut, dass seine Wurlitzer-Idee nicht als Spleen abgetan wurde und sich die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde ernsthaft mit dieser Orgel auseinandergesetzt hat. 88 000 Franken hat sie für eine neue Orgel als Betrag gesprochen. 350 000 Franken kostet das Wurlitzer-Projekt insgesamt, wobei der Hauptteil der Kosten für Restauration und den Transport über den Atlantik anfällt. Viele Sponsoren haben sich schon kräftig für die Wurlitzer 647 engagiert; 50 000 Franken fehlen noch.

Stummfilm-Reihe

Für Bernhard Ruchti ist das Instrument nicht nur ein echtes «Schnäppchen», sondern auch ein kultureller Gewinn. Ideen, wie die Wurlitzer das St. Galler Musikleben bereichern könne, hat er schon. Beispielsweise könnte man in St. Georgen Stummfilme zeigen und von hochkarätigen Improvisatoren begleiten lassen. Klanglich lassen Wurlitzer-Orgeln praktisch alle Stile zu, besonders aber auch Musik aus der Zeit ihrer Entstehung: Chansons, Schlager, Pop, Folk oder Jazz. Mit der Wurlitzer 647 steht dereinst das einzige komplett renovierte Instrument dieser Art in der Schweiz. Und nicht nur wenn man von seinen speziellen Klangeffekten wie Pferdegeklapper, Dampfschiffsirenen oder Autohupen hört, ist das Interesse an diesem Instrument jetzt schon geweckt.


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