Vom Klang denkender Eidechsen

Daniel V. Keller, diesjähriger Gewinner des Adolf-Dietrich-Förderpreises, verbindet in der Kunsthalle Arbon Irritation mit Harmonie. In seiner Ausstellung «In Between Geometries» greift Keller die räumliche Situation auf und spielt mit dem öffentlichen und dem nicht zugänglichen Raum.
20. Juni 2015, 02:50
BRIGITTE ELSNER-HELLER

ARBON. «Ich würde nicht sagen, dass ich ein Rebell bin.» Wenn Daniel V. Keller spricht, fallen auch Sätze wie der: «Mich nimmt es wunder, was passiert.» Eine freundlich-altertümliche Formulierung. Keller ist für die Ausstellung in der Kunsthalle Arbon zurückgekommen in seine Heimat, nachdem er seine Ausbildung von Bern aus über Amsterdam in New York abgeschlossen hat. Die erste Schweizer Einzelausstellung bereitet ihm Freude. Dass er der Gewinner des Adolf-Dietrich-Förderpreises 2015 der Thurgauischen Kunstgesellschaft ist, fügt sich ins Bild.

Neugierde für wenig Beachtetes

Die Weichen in seinem Leben sind früh gestellt worden. Die Mal- oder Töpferstunden waren ihm in der Kindheit in Bottighofen die schönsten, wie er sagt. Vertraut war die Metallwerkstatt des Vaters. Über das Handwerk der Keramik, das er zunächst erlernte, wurde er weiter geprägt, sich mit dem Material an sich auseinanderzusetzen. Was ihn künstlerisch charakterisiert, ist die Neugierde, hinter die Dinge zu schauen. Vor allem hinter die, die den urbanen Raum prägen und wenig Beachtung finden.

So nahm die Installation in der Kunsthalle Arbon ihren Ausgangspunkt vom Boden aus. Der Asphalt und Reste von Markierungen wiesen darauf hin, dass die Halle als Parkgarage genutzt worden war. Dann kamen architektonische Details in den Blick. Fassadenstrukturen faszinieren Daniel V. Keller, Poller, Schranken, der öffentliche urbane Raum. Wobei nicht alles am öffentlichen Raum zugänglich ist, da es immer auch gesperrte Bereiche gibt. Wer die Halle betritt, wird mit einer Schranke konfrontiert, die geschlossen ist. Ein graues Gebilde, das zur Schau gestellt, doch seiner Funktion entrückt ist – zumal Keller sie mit einem samtenen Bezug belegt hat. Zwei abgesperrte Bereiche hat er durch Sichtschutzwände geschaffen, die nur schmale Durchblicke auf die Objekte im Inneren zulassen.

Spiel mit der Schwerkraft

Hier sind die fragileren Gegenstände zu finden, die den Titel der Ausstellung «In Between Geometries» am direktesten widerspiegeln. Dreidimensionale kubische Raster, gebogene Spiralen, treppenartige Podeste sind zur Schau gestellt – auch oder gerade, weil der Betrachter ein Stück weit ausgesperrt bleibt. Dann Kellers Spiel mit der Schwerkraft: Einen vermeintlichen Stein fixiert er mit Bändern so, dass er wirkt wie ein Ballon, der vom Boden Abstand zu schaffen sucht. Ein weiterer «Stein», aus Schaumstoff entwickelt, brummt durch die Ausstellung, während er wie ein Pendel schwingt. Das Geheimnis liegt in der Resonanz: Gesteuerte Lautsprecher geben im Wechsel die Impulse in beide Richtungen. «Sound of Thinking Lizards» ist ihr Titel, und vielleicht passen die urzeitlichen Kriechtiere ja nicht schlecht als Referenz für heutige Gedankenspiele – realisiert mit Nicolas Dauwalder.

Daniel V. Keller ist Perfektionist, vor allem in der Ästhetik, die er seinen Objekten mitgibt. Einer, der bestrebt ist, «die Balance zu finden zwischen Irritation und Harmonie» (Keller) kann nicht «nur» Rebell sein. Das wäre ihm wohl zu einfach.

Bis 12. Juli, Kunsthalle Arbon. Sa, 4.7., 17 Uhr, Soundperformance des Künstlerduos UOM (Li Travor und Nicolas Dauweiler)

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