Vogelpixel für die Glashäuser der Brühltor-Unterführung

An drei Stellen taucht die neugestaltete Brühltor-Unterführung an die Oberfläche. Markante Baukörper aus Beton und Glas überdachen die Öffnungen. Norbert Möslang hat in lichtem Grün darauf gemalt.
22. Dezember 2008, 01:02
ursula badrutt schoch

st. gallen. «Die haben sich aber nicht gerade viel Mühe gegeben», kommentiert eine Schülerin die locker gepinselten grünen Tupfe und verkürzt sich mit einer Kollegin die Wartezeit durch die kleine kritische Glasscheiben-Betrachtung. Die andere findet die Farbe gut: «Wenigstens fällt es auf.» Zusammen könnten sie jetzt noch herausfinden, ob die Punkte etwas darstellen. Was hat es mit der grünen Glasmalerei denn auf sich, die als Kunst am Bau plötzlich an den zwei Haupteingängen zur Brühltor-Passage aufgetaucht ist?

Antwort auf Hanimann

Da bereits in der darunter liegenden Parkgarage Fink und Star von Alex Hanimann zwitschern, liegt der Verdacht nahe, dass derselbe Künstler in der Art seiner jüngsten grossformatigen Pixelbilder die Scheiben bemalt hat. Damit die Vögel nicht ins Glas krachen und sich das Genick brechen, bevor sie sich zwischen den parkierten Autos verfangen und zwitschern. Doch so ist es nicht. Mit Schalk und in spitzbübischem Schlagabtausch hat Norbert Möslang, der beim Wettbewerb zur Kunst am Bau der Parkgarage hinter Künstlerkollege Hanimann zurückstehen musste, zwei Glasbilder für die beiden Bauten entworfen. Alex Hanimann freut es, dass seine Vögel einen Gegenpart bekommen haben. Irgendwann oder mit Hilfe des Erfinders lassen sich zwei Vögel erkennen, lang gezogene Enten im Flug, die sich über 15 Meter um die Ecken strecken. Sie schauen in die Tiefe, als wären sie lebendige Überwachungskameras.

Möslang, der Maler

Den am Computer bearbeiteten Entwurf zum Pixelbild hat Norbert Möslang für die Ausführung einem Spezialisten überlassen. In aufwendiger Handmalerei hat Kaspar Freuler die Pixel in Öl von innen her auf die Scheiben gemalt, bewusst die Technik des Hinterglasmalens aufgegriffen und mit unterschiedlich dichtem Farbauftrag Unregelmässigkeiten bewirkt. Je nachdem, von welcher Seite die Malerei gesehen wird, wirkt sie anders. Über die Vergrösserung und die Übertragung der Zeichnung in Malerei entstehen zahlreiche Ungenauigkeiten, Verschiebungen – jene Fehler eben, die Norbert Möslang schon lange interessieren.

Man mag sich wundern, den Musiker und Verfremder von Alltagselektronik, Webcams und Messdaten als Maler anzutreffen. Doch nicht lange. Bilder interessieren ihn. Bei der Übertragung von Webcam-Bildern mit zufallsgesteuerten Verschiebungen der Daten, wie er sie in Davos oder Singapur gesammelt hat, spricht er von «digitaler Malerei». An der Arbeit für die Brühltor-Passage suchte er nach einem Kontrast zur klaren Linienführung der Architektur. Dass ein Stück Familiengeschichte dabei zum Vorschein kommt, ist eine schöne Nebengeschichte: Norbert Möslangs Vater war Glasmaler und hat bei zahlreichen Kirchenfenstern der Region mitgearbeitet – das Metier ist dem Sohn also bestens bekannt.

Sensibilität und Präzision

«Natürlich hätten wir für das Bild einfach Klebefolie nehmen können», meint Norbert Möslang. Damit wäre aber der malerische Effekt als Brechung des Baukörpers, der auch ein Stück Menschennähe bringt, nicht erreicht worden. Mit welcher Sensibilität und Präzision Norbert Möslang auf die schlichte Architektur reagiert hat, zeigt sich mehr unterschwellig: Das Bild ist aus dem Lot geschoben, stellt sich leicht quer, dynamisiert das Rechtwinklige. Dem harten, technischen Körper schenken die weichen unregelmässigen Pinselpixel Streicheleinheiten und lassen eine Ahnung, eine Erinnerung an einen weniger durchorganisierten, weniger rationalisierten und durchgestalteten Stadtraum wach werden. Hin und wieder etwas Intuition und Irritation tun gut .

Grüninger-Gedenkplatte

Die Glasmalerei am Brühltor ist die erste Arbeit von Norbert Möslang im öffentlichen Raum. Doch fast gleichzeitig wie die Enten auf den Glasscheiben bei der Brühltor-Passage hat er zudem in Au für das Urnengrab von Paul Grüninger eine Gedenkplatte entworfen und realisiert. Die messerscharfen Kanten der Aluschrift treffen dort auf die amorphe Wirkung des roten porösen Steins.


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