Turmgeschichten (37)

Eine Idylle, wie man sie hier, auf dem weitläufigen Grundstück der Rudolf-Steiner-Schule, eingeklemmt zwischen Autobahn und Rorschacher Strasse, sicher nicht erwartet.
08. Juni 2010, 01:01

Eine Idylle, wie man sie hier, auf dem weitläufigen Grundstück der Rudolf-Steiner-Schule, eingeklemmt zwischen Autobahn und Rorschacher Strasse, sicher nicht erwartet. Im grosszügig angelegten Weiher quaken die Frösche, Vögel zwitschern, Bienen summen, blühende Gräser flirren im vorsommerlichen Licht, aus offenen Fenstern dringen Geräusche von Küchengeräten.

Für Augenblicke fühlt man sich in eine andere, einhundert Jahre zurückliegende Zeit versetzt. Es war ein Tag wie der heutige, als am heissesten Tag jenes Sommers 1921, nur gerade zwei Jahre nach der Fertigstellung, die Villa Hof Riederen in Flammen aufging. «Der durch Hitze und Föhn begünstigte Brand ist in einem mit Heu gefüllten Nebengebäude durch Unvorsichtigkeit zweier Knaben entstanden und verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit vom Dachstuhl aus über das ganze Ökonomiegebäude», heisst es in einem Jahresheft aus dem Jahr 1922. Gar Dichterworte wurden zitiert, um die Zerstörungswut des Feuers zu umschreiben: «Denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand.»

Erschaffen hatte dieses der Architekt Johann Anton von Tscharner für den Textilkaufmann Viktor Mettler-Salzmann, der in der Stadt das sogenannte «Volksmagazin» an der Multergasse betrieb mit Weisswaren, Damenkonfektion und -kleiderstoffen. Viktor Mettler, er lebte von 1875 bis 1958, hatte seine Sporen in New York abverdient und wohnte nach seiner Rückkehr bis zur Fertigstellung des «originellen und künstlerisch grosszügig erbauten Besitztums» mit seiner Familie an der Bahnhofstrasse.

*

Dem Brand in der Villa Hof Riederen waren zwar nicht die wertvolle Inneneinrichtung und reichen Kunstschätze des passionierten Sammlers Viktor Mettler zum Opfer gefallen, wohl aber der nach Osten halb ins Walmdach eingewachsene wuchtige Turm.

Nur zwei Jahre später erstrahlte das im englischen Landhausstil erbaute Gebäude mit circa 40 Räumen in neuem Glanz. Verantwortlich für den Wiederaufbau zeichneten die renommierten Architekten Pfleghard und Haefeli, welche unter anderem die St. Galler Hauptpost erstellt hatten.

Marlies Knopfli-Mettler war das jüngste von drei Kindern; beide Brüder kamen auf tragische Weise ums Leben. Sie war neun Jahre alt, als das Haus ihrer Eltern ein Raub der Flammen wurde; sie erinnert sich weder an diese Tragödie noch daran, dass sie es war, die in den 70er-Jahren das ganze Anwesen der Rudolf-Steiner-Schule als Schenkung übergeben hatte. Seit wenigen Jahren lebt die alte Dame, inzwischen 101 Jahre alt, wieder in ihrem alten Elternhaus, das vor neunzehn Jahren im Baurecht an einen Verein abgegeben und von diesem in ein Altersheim umgewandelt wurde. Heute dient das schmucke runde Turmzimmerchen als Schlafplatz für die Nachtwache. Auch Marlies und ihr Mann Walter Knopfli sammelten Kunst: 1980 etwa ging Odilon Redons 1903 geschaffenes Hauptwerk «Bouquet au vase noir» als Schenkung an das Kunstmuseum St. Gallen.

*

Weniger stolz als auf ihre persönliche Erbschaft und ihren grosszügigen Umgang damit dürfte Marlies Knopfli-Mettler auf die Vergangenheit ihres Onkels Arnold Mettler-Specker, des Bruders ihren Vaters, sein, dessen offenkundige Sympathie zum Naziregime darin gipfelte, dass sein Sohn 1941 in die Wehrmacht eintrat. In den Bänden der St. Galler Kantonsgeschichte ist ein Gedicht des Vaters, auch er ein Kunstmäzen, an seinen in Kiew gefallenen Sohn verewigt, dessen nazistische Färbung eine unmissverständliche Sprache spricht. Ein Enkel von Marlies Knopfli-Mettler ist der heute noch in St. Gallen wohnhafte Ruedi Mettler-Wahlandt. Er war es, der zum 225jährigen Bestehen der Firma Mettler & Co. AG der Stadt den 1971 von Antoni Tàpies geschaffenen «Gran Esqinçal» schenkte, dessen Hängung im Theaterfoyer für einen veritablen Skandal sorgte.

Brigitte Schmid-Gugler


Leserkommentare

Anzeige: