Schneide mir ein Selfie

Zum 70jährigen Bestehen der Holzschnitt-Künstlergruppe Xylon Schweiz liegt eine neue Publikation vor. Sie vereint unter dem Titel «Selbst» 44 in Holz geschnittene Selbstbildnisse von aktiven Künstlerinnen und Künstlern.
11. Dezember 2014, 02:34
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

«Der Künstler des Holzschnittes hat einen Holzglauben», schreibt Sebastian Utzni, Präsident der Xylon Schweiz, in seiner Einführung. Ein Gedankenbild wie in Holz geschnitzt, kombiniert mit Holzschnitten des Künstlers Emil Burki. Der Zürcher Holzschneider arbeitete in den 1930er-Jahren für die linke Presse in Zürich, wohin in jenen Jahren Carl Meffert alias Clément Moreau aus dem vorfaschistischen Deutschland geflohen war. Seine 107 geschnittene Bilder umfassende Arbeit «Nacht über Deutschland» hatte der Leiter der St. Galler Kellerbühne, Matthias Peter, als Vorlage für eine der letztjährigen Eigenproduktionen verwendet.

Der Langsamkeit verpflichtet

Was nun unterscheidet diesen «Holzglauben» von anders gearteten Werkstoffen bis hin zum digitalen Datenträger? Emil Burki – der Beitrag des 1952 Verstorbenen war erstmals in einem «Bogen»-Heft erschienen – setzt der Welt des «zunehmenden Leichtsinns und der Lüge» die Treue und Wahrhaftigkeit des Holzschnitts entgegen. Utzni selber macht den Bogen zum aktuellen, schnellen Klick per Natel und elektronisch übermittelten Selfies. In der vorliegenden Publikation finden sich 44 in Holz geschnittene, schwarz-weiss gedruckte Selfies, verpackt in eine einfache weisse Kartonschachtel. Gedruckt ab den Originalstöcken und auf der traditionellen Buchdruckpresse im Glauben an das in Holz geschnittene Selbstbildnis. Die im Rhythmus des bedächtigen Schneidens, Fräsens und Stechens entstandenen Porträts weisen die ganze Bandbreite un-selbstverliebter «Selbstreflexion» auf. Während Christian Dubois sein Selbstbild reduziert auf kalligraphisch anmutende «Pinselstriche», porträtiert Peter Stiefel seinen Stiefel. Thomas Ruch betitelt sein «Selbst» mit «Ich macht Kamel», und Kaspar Toggenburger, 1960 in St. Gallen geboren, «versteckt» sein gepixeltes Haupt hinter vertikal verlaufenden Linien, als wären's Gitterstäbe.

Von Jubeldruck zu Jubeldruck

Vor drei Jahren feierte die Zeitschrift «Xylon» der Sektion Schweiz ihr 50jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass erschien eine 532 Seiten schwere Jubiläumsausgabe mit 200 Originalholzschnitten von 50 Künstlerinnen und Künstlern. Die nun vorgestellte Publikation «Selbst» erscheint anlässlich des 70jährigen Bestehens der Künstlergruppe Xylon Schweiz, der auch der St. Galler Künstler und Verleger Josef Felix Müller angehört, welcher die Publikation konzipiert hat. Sie enthält im Weiteren Texte von Rainer Stöckli und Hans Rudolf Bosshard, der über die Geschichte der Xylon Schweiz und die Kunst des Hochdrucks nachdenkt. Rainer Stöckli, Literat und langjähriger Forscher zum Thema Totentanz, stellte «Selbst» an der Vernissage unters Brennglas des Werdens und Vergehens. Ausgehend von Chen Jianghongs Bilderbuch «Der kleine Fischer Tong», erzählte er vom menschlichen Skelett, das den Fischerjungen rettet, ihn nach Hause trägt und dort zum ersten Mal in seinem «Leben» in einen Spiegel blickt. Anschaulicher könnte man kaum über ein Selfie referieren.

Subskriptionspreis bis 31. Dezember 2014: 90 Franken; www.xylon.ch; xylondruck@xylon.ch

Leserkommentare

Anzeige: