Schmierig sind nicht nur ihre Rubel

Florian Rexer hievt in Hagenwil Jahr für Jahr Weltliteratur auf die Bühne. Mit Gogols «Der Revisor» von 1836 glückt ihm eine unterhaltsame Satire auf Korruption und Machtmissbrauch – mit Slapstick und Wortwitz ohne Schenkelklopfhumor.
05. August 2016, 18:35
HANSRUEDI KUGLER

HAGENWIL. Man möchte grad mitjaulen, so schwermütig tönt es aus den Lautsprechern: «Kalinka, kalinka, kalinka moja!» Aber Achtung: Melancholie hat neben der süssen auch eine bittere Seite. Beides serviert uns Florian Rexer mit Nikolaj Gogols Komödie «Der Revisor» in Hagenwil als turbulente Entlarvungsparade mit satirischem Biss. Bei dieser Groteske braucht es gar keinen Schenkelklopfhumor: Denn der Abend wird vor allem zum Fest der Schauspielkunst, zur Freude am darstellerischen Komödiantentum, das die Unmoral und Verlogenheit demaskiert – mit Figuren, die fast schon wie in einem Comic zugespitzt wirken.

Bestechung wird zum Genuss

Wir befinden uns vor dem Gasthaus einer Kleinstadt, tief in der russischen Provinz. Ob das nun das zaristische, vorrevolutionäre, das sowjetische oder das Putin-Russland ist? Regisseur Florian Rexer macht Andeutungen auf alle Seiten. Regiert wird die Stadt von einem einfältigen, korrupten und brutalen Stadthauptmann (raumfüllend und grossartig gespielt von Marcus Coenen). Wer kein Bestechungsgeld zahlt, wird ausgepeitscht, das Gerichtsgebäude wird als Hundezucht missbraucht, die Spitalpatienten liegen auf dem Fussboden, und die Spenden fürs Armenhaus fliessen in die Taschen des Hauptmanns. Üble Verhältnisse also.

Dass man von alledem auf der Bühne nichts sieht, gehört zur Konversations-Komödie. Brecht hätte aus dem Stoff ein Sozialdrama gemacht, Gogol konzentriert sich in seiner Gesellschaftssatire auf die komische Entlarvung der zynischen Provinz-Herren und auf die Veränderung des vermeintlichen Revisors, der nach und nach die Bestechung geniesst. «Der Revisor» ist zudem eine Ständesatire: Emporkömmlinge treten gegen unten, ducken sich gegen die Obrigkeit und nehmen unterwürfig jeden Blödsinn und jede Lüge für bare Münze. Das Volk steht nur einmal hinter den Kulissen und schreit, man solle den Hauptmann zum Teufel jagen. Am Ende aber bleibt alles beim alten – nur haben die korrupten Stadt-Herrschaften ihr ganzes ergaunertes Geld einem Hochstapler als Bestechung in die Taschen gesteckt, den sie für den Revisor hielten und fürchteten.

Tolle Schauspielerparade

Florian Rexer hat die Schlamperei prägnant ins Bild gesetzt: Das Hemd hängt dem Stadthauptmann aus der Hose, der weisse Ärztekittel der Spitaldirektorin Fillipowa (Doris Haudenschild) ist voller Blutspritzer, der Schulinspektor Chlopow (Mischa Löwenberg) ist ein kurzsichtiger schniefender Trottel, der geckenhafte Richter Bobtschinski (Hans Rudolf Spühler) trägt einen weissen Anzug mit offenem, rotem Hemd wie ein Gigolo, und Postmeister Dobtschinski (Jan Opderbeck) ist ein verdruckst-lispelndes Mauerblümchen. Ihr schmieriges Anbiedern ist urkomisch.

Und erst die Frauen: Die vernachlässigte Hauptmanns-Gattin (Bigna Körner) hängt sich dem Revisor an den Hals, ihre Tochter (Ramona Fratini) lässt sich gerne von ihm küssen. Zwar ist die Geschichte vorhersehbar. Aber man erlebt pures Schauspielervergnügen. Florian Rexer würzt die Szenerie dezent mit Slapsticks (die Schwenktür im Stil von Western-Saloons gibt Anlass für Gepolter und Kopfnüsse) und baut spöttische Splitter gegen den Realsozialismus ein. Rote Fähnchen werden in der ersten Reihe zum Schwenken verteilt, Putin kriegt einen Seitenhieb, und einer wird sarkastisch zum «Mitarbeiter des Tages» erklärt.

Jedermann wird Hochstapler

Neben all den wunderbar aufgeblasenen Provinz-Schranzen ist der vermeintliche Revisor die interessanteste Figur: Ein Jedermann, der aus Gelegenheit zum Hochstapler wird, ein Taugenichts und Zechpreller, der sich die Unmoral der Umgebung zu eigen macht. Dass ihm die unerwartete Anbiederung in den Kopf steigt, spielt Falk Döhler schön aus. Sein Diener Ossip (Mathias Ott) muss ihn geradezu zur Flucht drängen. Leider ist Chlestakov schon zu Beginn ein selbstverliebter Schönschwätzer, zu unsympathisch, als dass sich das Publikum mit ihm identifizieren könnte. Zum Hochstapler ist nur ein zu kleiner Schritt. Vielleicht liest man bei Gelegenheit wieder einmal Gottfried Kellers Novelle «Kleider machen Leute», die 40 Jahre nach «Der Revisor» entstanden ist und in der die fast gleiche Verwechslung zum Happy End führt. Gogol hingegen verweigert die Versöhnung.

Weitere Vorstellungen: 6.–27.8. www.schlossfestspiele-hagenwil.ch

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