Schaurig vielfältig

Über dreissig Kunstschaffende aus der Ostschweiz bespielen in einer Art Parallel-«Heimspiel» das leerstehende Hotel Ekkehard. Der Charakter der unjurierten Ausstellung «Spiel» lebt vor allem auch vom Spontanen und Improvisierten.
17. Dezember 2012, 01:33
MARTIN PREISSER

«Das Leben ist eine Baustelle. Kunst ist Leben.» Mit diesem Satz wird der Besucher von «Spiel» begrüsst. Und es ist das Rauhe, das Baustellenmässige, das Zerfallende des «Ekkehard»-Erdgeschosses, das eine spezielle Grundstimmung für die Ausstellung schafft.

Künstler wie Peter Dew haben aus den vorgefundenen Materialien eine Skulptur kreiert. Christoph Reichlin wartet mit einem wunderschönen, fast goldig aufscheinenden Quadrat auf. Es ist nichts anderes als ein Stück beleuchtete «Ekkehard»-Wand.

Seit bekannt wurde, dass es zum offiziellen «Heimspiel» in Kunsthalle und Kunstmuseum ein Gegen-«Heimspiel» im «Ekkehard» gibt (Ausgabe vom 10.12.), sind die Organisatorinnen mit Anfragen weiterer Kunstschaffender überhäuft worden, einige mussten sogar wieder abgewiesen werden. Spontan dazugesellt hat sich aber eine junge Gruppe der Höheren Fachschule für Bildende Kunst St. Gallen. Hapiradi Wild ist eine dieser ganz jungen «Kunstanfängerinnen». Ihr gefällt «Spiel». «Das ist spontan, schnell, offen. Und hier kommt einfach an Kunst zusammen, was zusammenkommen muss», sagt sie.

Wer ist die Schönste?

Durchaus ein wenig unheimlich wirkt im vorderen grossen Saal eine kleine Ballerina, die sich vor einem Spiegel dreht (von Eruk T. Soñschein). Augenfällig nimmt die Arbeit den morbiden Charme des verlassenen Hotels auf und fragt vielleicht: «Wer ist die Schönste hier?» Etwas kuscheliger tut das auch Katrin Mosimann. Sie hat ein spezielles Abendkleid entworfen, das, aus vielen Plüschtieren gefertigt, den Fluss der Kreativität symbolisiert.

Beim letzten offiziellen «Heimspiel» 2009 hat Konrad Bitterli, Kurator Kunstmuseum, die damals versammelten Kunstschaffenden in seiner Vernissagerede als Crème de la crème bezeichnet. Was jetzt im Parallel-«Heimspiel» gezeigt wird, ist allerdings beileibe nicht das, was noch «übrig bleibt».

Herbert Kopainig nimmt das Crème-de-la-crème-Thema in einer «Ekkehard»-Telefonkabine auf. Sätze wie «Die Kunst aber schäumte und schämte sich beim Klagen» sind da von diesem Thurgauer Künstler zu lesen, der seinen Bildern den Markennamen «Bitterlimit Confiserie» gibt. Konrad Bitterli wird's freuen, wenn er bei der Konkurrenz im «Ekkehard» vorbeischauen wird.

«Spiel» heisst die schnell und in letzter Minute entstandene Aktion. Es ist das Verspielte, Improvisierte, das Augenzwinkernde, was überwiegt. Viele spontane Kunstideen haben Platz an vergitterten Fenstern, an den Wänden, in Telefonkabinen, Nischen und Ecken, alles eingebettet in den ein wenig schaurigen Charakter des leerstehenden Hotels.

Kunst-Durcheinander

«Spiel» präsentiert unbekanntere Namen, aber auch bekannte. Hans Thomann zeigt augenzwinkernd (Kunst?)-Platzhirsche, weisse und farbige. Namen wie Claudia Valer oder Andy Guhl sind vertreten, aber auch Michèle Mettler oder Stefan Rohner, der mit Mirjam Kradolfer eine Art «Sitzkissen» mit eingebautem Video beisteuert. Das Künstlerpaar steffenschoeni zeigt gegossene Bücher, Barbara Bär zeigt einen «Taubenaltar» und ergreift Partei für eine eher unbeliebte Vogelart.

Viele Kunstschaffende sind sich einig: Das Nebeneinander von so viel verschiedener Kunst helfe auch, dass die Arbeiten jeweils von den anderen profitierten. Fein säuberlich kuratiert ist da wenig, ein kleines Kunst-Durcheinander scheint durchaus auch Sinn des Ganzen. Es gibt viel zu entdecken, aber auch viel zum Schmunzeln. Konkurrenz zum offiziellen «Heimspiel» hin oder her: Der Kunstfreund in der Stadt sollte switchen zwischen «Spiel» und «Heimspiel». Crème de la crème gibt es sicher in beiden Ausstellungen. Und «Creme de la Gräm», um nochmals Herbert Kopainig zu zitieren? Nein, grämen muss sich im «Ekkehard» keiner. Dazu ist das Ganze zu lustvoll-spontan.

Hotel Ekkehard (Rorschacher Strasse 50): 15., 16., 21., 22., 23., 26., 27., 28., 29., 30.12., je 11–16 Uhr; 21.12.: Intervention «Sonnenwende»; 22.12., 15 Uhr: Intervention «Was ist jetzt?»; www.das-spiel.ch

Leserkommentare

Anzeige: