Rüpelrock und Regenbogen

BAD BONN KILBI ⋅ In Düdingen fand am Wochenende zum 26. Mal die Bad Bonn Kilbi statt. Das Festival wartete mit elektronischen Mondfahrten, rüpeligen Rockgöttern und sympathischen Sängerinnen auf.
06. Juni 2016, 08:14
KATHRIN REIMANN

Mit einem herzlichen «Hey ihr Wichser» begrüsste Daniel «Midi» Mittag am Donnerstag sein Publikum. Mit seiner Band Knöppel eröffnete der besser als Jack Stoiker bekannte Exil-St. Galler die Bad Bonn Kilbi in der Nähe von Fribourg.

Schlechte Laune und Onanie

Das stets blitzschnell ausverkaufte Festival fand am Wochenende in seiner 26. Ausgabe unter regnerischen Bedingungen statt. Programmchef Daniel Fontana konzentrierte sich beim Programm auf Perlen aus Nischen, Überraschungen aus aller Herren Ländern, schwer zugänglichen Neuentdeckungen oder – wie in Knöppels Fall – Legenden. Während einer Stunde sang sich «Midi» durch das Knöppel-Album, welches im September erscheint. «Hey Wichser» ist der Titel des Werkes, bei dem der Name Programm ist: «Wichser» erklingt in jedem der Songs. Ansonsten handelt es von Alltagsproblemen, schlechter Laune, Fussball oder Onanie.

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Von Donnerstag bis Samstag fand in Düdingen die legendäre Bad Bonn Kilbi statt. Das Festival gehört zu den beliebtesten Festivals für Independent Music. (Bilder: Roman Hertler)

Doch auch Oden hat Mittag geschrieben, eine auf Uzwil und eine auf «Schüga». Loblieder auf eine Region, der er vor 24 Jahren den Rücken gekehrt hat. «Mittlerweile habe ich mein Ostschweiztrauma überwunden, aber nach der Matur wollte ich von St. Gallen so weit weg wie möglich», sagt «Midi» nach seiner Show. Er habe in der Stadt eine geile Zeit gehabt, aber es werde alles zu wichtig genommen. «Düdingen ist das Gegenteil, hier ist es egal, wer du bist, Hauptsache, du bist mit dir selbst im Reinen.»

Die symbolische Taufe des Albums wird dennoch in St. Gallen stattfinden. Am Kulturfestival am 8. Juli. Und wenn das Album dann tatsächlich draussen ist, also im September, plant er, auf Tour zu gehen und dort sein Publikum «zu unterhalten, zu beschimpfen und mitsingen zu hören». Auf seiner Tour wird auch sein Alter Ego mit von der Partie sein: Jack Stoiker wird das Vorprogramm bestreiten.

Dreckig, laut und lärmig

Das Kilbi-Programm liess sich «Midi» nach der «ganz ordeli gelaufenen» Eröffnung nicht entgehen. Auf seiner To-See-List standen etwa die walisische Sängerin Cate le Bon, die am Freitag mit ihrem sympathischen Auftritt gute Vibes verströmte. Auch die fiese englische Gitarren-Band Fat White Family stand auf der Liste. Zu Recht. Der Auftritt der als Provokateure verschrienen Musiker war grossartig, fesselnd, interessant. Zu schockieren vermochten diese das Publikum aber nicht. Bereits zuvor hatte Matt Korvette mit seiner Band Pissed Jeans jegliche Grenzen des guten Geschmacks ausgelotet. Mit lautem, dreckigem und lärmigem Sound und einer wüsten Performance brachten sie die Massen zum Toben und Tanzen.

Vor der Bühne wälzte man sich im Schlamm, Pissed Jeans fühlten sich an wie die Ankunft des Jüngsten Gerichts. Und nach der Show strahlte ein riesiger Regenbogen vom Himmel.

Die Fat White Family war vor ihrem Bad-Bonn-Auftritt auch im St. Galler Palace zu sehen, was kein Zufall war. «Das Bad Bonn und das Palace führen so etwas wie eine offene Beziehung, die auch telepathisch wirkt», sagt Kilbi-Veranstalter Daniel Fontana.

Achse des Guten in den Osten

So teile er sich mit seinem St. Galler Pendant, Damian Hohl, Ideen, Musikgeschmack und Gastgeberleidenschaften. «Die Verbindungslinie zwischen Bad Bonn und Palace ist eine Achse des Guten.» Die «Kilbi im Fall», welche jeweils in St. Gallen gemeinsam veranstaltet wurde, findet dieses Jahr zwar nicht statt. «Wir werden aber an neuen Projekten herumtüfteln», verspricht Fontana, der mit Pyrit einen weiteren «genialen Exil-Ostschweizer» für sein Festival verpflichtet hatte. Der aus Goldach stammende, in Paris lebende und vom Bandprojekt Thomaten und Beeren bekannte Thomas Kuratli legte einen glänzenden Auftritt hin, der das Publikum sanft einlullte und auf eine liebliche Reise ins pastellfarbene Weltall nahm. Die Bad-Bonn-Gäste dankten es ihm mit ekstatischem Tanz, Applaus und Pfiffen und dem seligen Lächeln, das sie nach der Performance des in goldenen Latex gehüllten Pyrits auf den Gesichtern trugen.


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