Requiem und Wiegenlied

Der Künstler und Absolvent der Hochschule für Design und Kunst Luzern, Lorenz Olivier Schmid, hat im St. Galler Vexer Verlag seine «Anthologie Band I» herausgebracht. Ein Werk wie ein Wunder – nicht nur für Wundernasen.
10. Dezember 2013, 02:35
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

Mag's daran gelegen haben, dass er eben erst den städtischen Anerkennungspreis erhalten hat – der «Schnäppchen und Häppchen»-Nachmittag im Vexer Verlag von Josef Felix Müller am vergangenen Samstag gedieh zum veritablen Feste. Es gab einen reich bestückten Büchertisch mit neueren und älteren Publikationen zum Schmökern und Schnappen. Aufbruchstimmung und elektrisierende Energie gar war zu spüren, will der Kunstverlag doch bald auch in Berlin vexieren, wo die Müllerstochter, die dort lebende Künstlerin Vera Ida, sich um den Aufbau der Zweigstelle kümmern will. Bereits ist sie mit der ersten Berliner Edition «7 Seiten Theorie» des Schweizer Künstlers Erik Steinbrecher beschäftigt. Die grafische Umsetzung betreut die hier neulich porträtierte St. Galler Buchgestalterin Krispin Heé. Die Edition wird für die Ausstellung von Steinbrecher in der Grafischen Sammlung der ETH Zürich ab Februar 2014 erscheinen.

Konservatorische Technik

Zugegen waren nahe und fernere Kunst- und An-Verwandte; unter ihnen performende wie Peter Schweiger und Petra Ronner. Peter Liechti las aus seinem ebenfalls im Vexer Verlag erschienenen Buch «Klartext» zum Dokfilm «Vaters Garten». Und Lorenz Olivier Schmid stellte seine bemerkenswerte, im Frühling dieses Jahres im Vexer Verlag erschienene «Anthologie Band I» vor. Der 1982 in Aarau Geborene sammelte die in dem fadengebundenen Leinenband zusammengetragenen Blüten durchs Jahr 2012 hindurch und presste sie zwischen entspiegeltem Glas und säurefreiem Karton – eine Methode, wie man sie in Museen zur Präparation anwendet.

Doch Lorenz Olivier Schmids Kunst beginnt an der Peripherie des Konservierens. Er überliess sein Sammelgut der Zeit und deren Einflüssen und entwickelte seine 68seitige Fotoarbeit aus den wundersamen Resultaten dieser Artefakte. In abgedunkeltem Raum erscheinen die Blütenstrukturen als atmend-transparent wirkende «Mineralien», als wären sie über Jahrtausende in Felsschichten eingeschlossen gewesen. Bernsteinfarben, glockenblumenblau, honiggelb. Jede kleinste Verfärbung, jede Faser – Narben, Dolden, Blütenstände, Griffel, Fruchtknoten, Staub- und Kelchblätter – werden «durchleuchtet», als betrachteten wir Schmetterlingsflügel durchs Mikroskop. Ob kelch-, schild- oder herzförmig, ob gezahnt, gekerbt oder ganzrandig – «der gestillte Blick» ist ausser sich vor Berührtheit. Den Stengeln entlang scharen sich, als schaute man ins unendliche Universum, Milchstrassen, Sternengewitter. Im hellen Licht fotografiert, sind chemische Prozesse feststellbar. Wo die Blütenblätter noch Feuchtigkeit abgaben, versickerte diese um die Blüte herum als mal wolkiger, mal kristalliner «Ausfluss». So zart, als hallte die Geschichte ihrer Lebenszeit als Requiem nach. Und auch so erdgerandet, als hätte der Künstler mit Wasserfarbe diese Blütenkontinente um neue, noch unbepflanzte Länder erweitert.

Das Sehen lernen

Klaus Merz hat seinen Text «Der gestillte Blick» für diese Publikation zur Verfügung gestellt. Der Titel leitet sich ab von der gleichnamigen Publikation, welche zur Ausstellung im Zürcher Strauhof vor sechs Jahren herauskam. Merz setzt sich seit vielen Jahren schreibend mit bildender Kunst auseinander, so auch in «Der gestillte Blick», der Texte zu Werken von Hieronymus Bosch, Courbet, Bellini, Böcklin, Toulouse-Lautrec versammelt. Der schreibende und der bildende Künstler lehren uns das genau Hinschauen, den «entleerten» Blick, der noch nicht von Zuordnungen gepflastert ist. Dort hat es Platz für Wunder und wunderliche Erscheinungen, wie Lorenz Olivier Schmids Blütenzauber – es ist fast wie Weihnachten.

Das Buch erscheint in der Publikationsreihe «Junge Kunst» der Stadt Luzern. 68 Seiten, davon 64 Seiten sechsfarbig gedruckt, Fadenheftung, eingeschlagener Leinenumschlag. 32 x 23,5 cm. Auflage 500, davon 300 signierte und numerierte Exemplare à 55 Franken. Bestellungen: info@vexer.ch

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