Rendez-vous mit meinem Leben

Die Webseite «Meet my Life» will Menschen ermutigen, ihr Leben aufzuschreiben. Im Netz können alle Texte gelesen und kommentiert werden – auch in zweihundert Jahren noch. Die Universität Zürich interessiert sich schon jetzt dafür.
09. April 2015, 02:36
Valeria Heintges

Rudolf Schüpbach war schon fertig, als alles begann. Seine Autobiographie unter dem Titel «Schmetterlinge flattern fort . .. und fort . . .», war gleich die erste, die auf der Internetseite www.meet-my-life.net im Januar dieses Jahres freigeschaltet wurde. Dabei dauerte es Jahre und Jahrzehnte, bis Schüpbach erkannte, dass er homosexuell war.

Coming-out-Bericht des Vaters

Da hatte er schon eine Ehe und mehrere Psychotherapien hinter sich und war Vater zweier Töchter. Schüpbach ist kein Literat, aber den Bericht über sein Leben liest man mit Beklemmung, leidet mit dem Mann, dessen Gefühl als Sünde galt. Schüpbach schrieb den Text vor allem für seine Töchter, die den Vater besser kennenlernen und verstehen sollten.

18 andere sind noch damit beschäftigt, die Ereignisse aufzuschreiben. Denn darum geht es den Machern von meet-my-life.net: Möglichst viele Menschen, quer durch die Bevölkerung, sollen animiert werden, ihr Leben aufzuschreiben.

Was wissen wir über die Ahnen?

Die Idee kam Erich Bohli, als er sich seinen Lebenstraum erfüllte. Nach einem langen Berufsleben, das ihn bis in die CEO-Etage der Dipl. Ing. Fust AG führte, schrieb sich der damals 60-Jährige an der Universität Zürich ein und machte erst seinen Bachelor, später seinen Master in Literaturwissenschaft. In einem Seminar bei Professor Alfred Messerli über «Selbstzeugnisse» brüteten 20 Studierende über den Aufzeichnungen von Heinrich Bosshard (1748–1815) aus Rümikon, der sich selbst das Schreiben beibrachte. «Der Text war unglaublich interessant», erinnert sich Bohli, «aber leider gibt es nur wenige Autobiographien aus dieser Zeit.» Ist das heute so anders, fragte sich der gebürtige St. Galler Bohli – und musste die Frage verneinen: «Schon mein Sohn weiss doch fast gar nichts über das Leben seiner Grosseltern», sagt Bohli.

Gleichzeitig begann er selbst, sein Leben aufzuschreiben. Aber das Ergebnis überzeugte ihn nicht. Zu oberflächlich, fand er, nicht lesenswert. Drei Jahre lang vergammelte der Versuch auf der Festplatte, die Datei überlebte einen Computerwechsel, wurde noch einmal aktualisiert und dann vergessen. «So ergeht es doch vielen Schreibversuchen», sagt Bohli.

Was, so fragte er sich nach dem Seminar, wenn man die Menschen dazu brächte, ihre Autobiographien gleich in eine Cloud im Internet zu schreiben, so dass sie auch in zweihundert Jahren noch lesbar wären. Was, wenn man ihnen dabei Hilfestellung bieten würde? Rasch stellte er fest, dass so ein Projekt weltweit einzigartig wäre. Etwas Ähnliches fand er in den USA – aber da geben die Schreibenden alle Rechte am Text ab und müssen zudem viel Geld bezahlen.

Zusammen mit Messerli und einem Programmierer entwarf er «Meet my Life». Wer mitmachen will, muss sich registrieren, darf einen Monat lang gratis schreiben, danach kostet das erste Jahr 39.50 Franken, später wird um Spenden gebeten.

Wer auf «Autobiographie schreiben» klickt, sieht ein Fenster, in dem man Text erfassen und ein wenig gestalten kann. In 40 Kapiteln und mit 500 Fragen wird man beim Schreiben begleitet, sozusagen in «einem Interview mit sich selbst», wie Bohli sagt. Es beginnt mit Fragen zu «Erste Erinnerungen und Kindheit»: Was weisst du über deine Geburt? Wie sind deine Eltern auf deine(n) Vornamen gekommen? Hattest du auch Übernamen? In was für eine Zeit wurdest du geboren? Was ist deine erste eigene Erinnerung an dein Leben?» und endet mit «Welches war die schönste Zeitperiode deines Lebens? Wem schuldest du ganz besonderen Dank?»

Wer zehn Seiten geschrieben hat, muss sich entscheiden: Soll der Text öffentlich einsehbar sein? «Etwa zehn Prozent wollen das nicht», sagt Bohli. Die Texte der anderen können alle lesen. Auch Verwandte, die Passagen kommentieren und dem Schreibenden mit eigener Erinnerung helfen können.

Kulturelles Erbe der Schweiz

Aber auch die Universität Zürich ist sehr an den Texten interessiert. Professor Messerli vom Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft sieht in dem Projekt «einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des immateriellen kulturellen Erbes der Schweiz».

Schon jetzt ist Bohli erstaunt, wie vielfältig das Spektrum der Mitmachenden ist: Ein 90-Jähriger schreibt, eine Frau, die zehn Jahre in der Psychiatrie verbracht hat, aber auch Menschen, deren Leben eher unspektakulär verlaufen ist. Schon jetzt zeigt sich allerdings, dass sich vor allem die über 65-Jährigen beteiligen: Sie müssen nicht mehr befürchten, dass ihnen ein zu offenherziges Geständnis schadet.


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