«Niemand wusste, was ein Slam ist»

Heute feiert der St. Galler Poetry-Slam mit seiner 50. Ausgabe Jubiläum. Mittlerweile eine etablierte Kunstform, musste sich der Slam zuerst behaupten. Veranstalter Lukas Hofstetter erinnert sich an die Anfänge.
05. September 2014, 02:22
ROGER BERHALTER

Herr Hofstetter, Sie haben als erster in St. Gallen Poetry-Slam-Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Was fasziniert Sie auch nach vierzehn Jahren noch daran?

Lukas Hofstetter: Jeder Slam ist anders. Es geht nicht um den Sieg, sondern um den guten Abend, das Gesamtpaket. Und wir probieren ständig neue Formen aus: Einen Erotik-Slam, einen Box-Slam, einen Slam im Theater, einen Slam am OpenAir vor 5000 Leuten. So macht es immer wieder Spass. Sowohl mir als auch dem Publikum.

Erinnern Sie sich noch an ihren allerersten St. Galler Slam?

Hofstetter: Ja, das war im Jahr 2000 im Flon. Unter anderen traten die Schweizer Urgesteine Susanne Zahnd und Tom Combo auf sowie Raoul Nagel und Etrit Hasler aus der St. Galler Szene.

Und das funktionierte auf Anhieb?

Hofstetter: Wir mussten schon einige Überzeugungsarbeit leisten. Es wusste hier ja fast niemand, was ein Poetry-Slam ist. Schliesslich kamen ins Flon rund zweihundert Leute – vielleicht aber auch wegen Jack Stoiker, der nach dem Slam ein Konzert gab.

Offensichtlich war das für Sie Ansporn genug, um weiterzumachen?

Hofstetter: Ja, die Szene entwickelte sich danach schnell. Auch Slammer aus St. Gallen erhielten Anfragen von überall und waren plötzlich im ganzen deutschsprachigen Raum unterwegs.

Mittlerweile ist Poetry Slam etabliert. Verdienen Sie heute mit Ihren Anlässen gutes Geld?

Hofstetter: Nein, da ist man bei Poetry Slams am falschen Ort. Ich muss den Dichtern zwar keine Gagen bezahlen, sondern nur ein Taschengeld, aber mit den Reise- und Übernachtungsspesen kommt dennoch einiges zusammen. Was sich aber geändert hat: Ich muss heute keine Angst mehr haben, dass ich einen Verlust einfahre.

Die Anlässe sind also gut besucht?

Hofstetter: Ja, wir haben in der Grabenhalle regelmässig volles Haus und übrigens auch ein sehr durchmischtes Publikum. Vom Teenager bis zur Grossmutter, vom Punk bis zum Stadtrat.

Viele Slammer sind heute lustig. Das Melancholische, Ernste hingegen findet wenig Platz. Was halten Sie von diesem Vorwurf?

Hofstetter: Ich höre ihn schon, seit es Slam gibt… Klar: Mit Lachern kann man das Publikum schneller und leichter gewinnen als mit einem tief lyrischen Text. Aber es gibt nach wie vor die Melancholiker und Lyriker unter den Slammern, ebenso die Rap-Poeten, die Geschichtenerzähler und die Komiker. Ich schaue bei meinen Anlässen jeweils, dass es vielfältig bleibt.

Kann man heute auf Slam-Bühnen noch neue Talente entdecken?

Hofstetter: Ja, klar. Ich buche jeweils nur zwei Drittel der Dichter, der Rest bewirbt sich vorab bei mir oder meldet sich spontan an der Abendkasse. Ein Slam soll eine offene Bühne sein, das ist wichtig. Auch bekannte Kabarettisten wie Simon Enzler und Andreas Thiel konnten sich schon einmal auf einer Slam-Bühne ausprobieren.

Für den Jubiläums-Slam heute in der Reithalle haben Sie lauter alte Hasen gebucht. Warum?

Hofstetter: Ich wolle wieder einmal Slammer versammeln, die in St. Gallen schon von Anfang an dabei waren. Das sind Profis, die mittlerweile etablierte Kabarettpreise gewinnen. Normalerweise fahren solche erfolgreichen Slammer nicht mehr nur für ein paar Minuten Bühnenzeit und ein paar Bier nach St. Gallen. Heute machen sie eine Ausnahme und kommen, um uns und sich selbst zu feiern.


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