Nichts zum Amüsieren

Der Berner Regisseur Dieter Fahrer hat für seinen neuesten Dokumentarfilm 200 Tage in der bernischen Strafanstalt Thorberg verbracht. Entstanden ist dabei ein klug montierter, einfühlsamer und dennoch distanziert beobachtender Film.
06. September 2012, 01:36

Herr Fahrer, «Thorberg» sei nicht gerade ein Feelgood-Movie, haben Sie im Vorgespräch erklärt. Wie ist das zu verstehen?

Dieter Fahrer: Nun, ich sehe, dass wir als Gesellschaft im Kino vor allem Wohlfühlerlebnisse suchen und dass es dagegen jene Filme schwer haben, die das auszuhalten versuchen, was nicht in dieses Schema passt.

Dann ist Ihr Film also einer, der nur jene Leute ins Kino lockt, die ohnehin auf das Thema Strafvollzug sensibilisiert sind?

Fahrer: Nein, so würde ich es nicht sagen, denn ich hoffe, dass durch die grosse Resonanz der Diskussion um mehr Härte im Strafvollzug in den letzten Jahren auch noch andere Leute sich meinen Film anschauen werden. Als Bürger sind wir ja immer wieder aufgefordert, über Fragen des Strafvollzugs abzustimmen, also über etwas, das eigentlich niemand wirklich kennt. Aber für Leute, die am Freitagabend ausgehen und sich im Kino nur amüsieren wollen, ist «Thorberg» definitiv der falsche Film.

Mit Ihrem Ansatz, Gefangene einfach in ihrem Gefängnisalltag zu zeigen und dabei gar nicht von den Opfern zu sprechen, machen Sie sich wohl auch bei manchen am Thema Strafvollzug potenziell interessierten Leuten nicht gerade beliebt.

Fahrer: Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Ich weiss auch, dass ich in Kreisen, die weit rechts stehen, sicher nichts erreichen werde. Denn dort sind Vorurteile so stark betoniert, dass sie sich ohnehin nur immer selber bestätigen wollen. Doch damit muss ich leben und genauso auch damit, dass meinem Film an manchen Orten Gegenwind entgegenbläst.

Als klar und sachlich beobachtender Dokumentarfilm aus einer totalen, ja in gewissem Sinn totalitären Institution, erinnert «Thorberg» an die beiden letzten Filme von Fernand Melgar «La forteresse» und «Vol spécial». Sind Sie mit dem Vergleich einverstanden?

Fahrer: Ich kenne Fernand Melgar gut, ich sass mit ihm jahrelang im Vorstand des Dokumentarfilmfestivals «Visions du réel» von Nyon, wir haben viel zusammen diskutiert, und wir haben beide als Autoren einen ähnlichen filmemacherischen Ansatz – doch wenn Sie «Vol spécial» ansprechen, so spielen dort der Vollzug und die ganzen Abläufe – und damit die Angestellten der Institution des Ausschaffungsgefängnisses – eine wichtige Rolle, während ich in «Thorberg» ganz bewusst die Insassen ins Zentrum des Films stelle. Und diese Insassen sind Männer, die schwere Delikte begangen haben, und sie sind für viele Jahre in dieser Institution eingesperrt.

Sie porträtieren in «Thorberg» im wesentlichen sieben Männer – sechs davon sind Ausländer, nur einer ist Schweizer. Zementieren Sie mit dieser Auswahl nicht auch Vorurteile?

Fahrer: Auf dem Thorberg waren zur Drehzeit 70 Prozent Ausländer inhaftiert und spiegelten damit ein Bild unserer globalisierten Welt – und gerade das fand ich hoch spannend. Es war auch einer der wichtigsten Gründe, warum ich andererseits das Gefängnispersonal im Film kaum berücksichtigt habe, denn dort hätte ich weitgehend ein Abbild von Krauchthal, und allenfalls noch von Burgdorf und Worb, gehabt. Ein Film über das Gefängnispersonal wäre sicher sehr interessant gewesen, aber es wäre auch ausserordentlich schwierig geworden, hinter die Masken dieser Leute blicken zu können.

Ihr Film zeigt in unerbittlicher Deutlichkeit den Strafvollzug, so wie er ist. Als Zuschauer beginnt man sich dabei mit Ihrer unterschwelligen Kritik am Strafvollzug zu identifizieren. Absicht?

Fahrer: Nun, der Film wirft viele Fragen auf. Beispielsweise jene, ob mit den gezeigten Massnahmen die vom Strafgesetzbuch ausdrücklich geforderten Bemühungen um Resozialisierung und Verbesserung des sozialen Verhaltens erreicht werden können. Oder jene, ob es sinnvoll ist, dass in den letzten Jahren fast sämtliche Aussenarbeitsplätze abgebaut wurden – wegen dieses scheinheiligen Sicherheitsbedürfnisses unserer Gesellschaft. Weiter frage ich auch, ob es sinnvoll ist, die ausländischen Gefangenen nach Verbüssung ihrer Strafe sofort in ihre Heimatländer auszuschaffen – ohne dass sie Gelegenheit hatten, im Gefängnis etwas zu lernen. Dabei könnte man sich doch mal überlegen, ob Länder wie der Kosovo nicht beispielsweise Automechaniker oder Instruktoren in Fitnesszentren gut brauchen könnten.

Interview: Geri Krebs

Kinok: Heute Do (18.15), 9.9. (11.00), 11.9. (18.15), 16.9. (11.00), 24.9. (18.15), 28.9. (17.00)

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