Musik wie Island

Reisende Musiker Die Band Kapnorth hat sich für die Aufnahmen zu ihrem Débutalbum nach Island zurückgezogen. Dort haben die Luzerner eine Platte eingespielt, die wie eine musikalische Entdeckungsreise klingt. David Gadze
31. Januar 2013, 01:37

Kapnorth sorgen für einen ersten musikalischen Höhepunkt im neuen Jahr. Das Quartett hat mit «Thunder Lightning Storm» ein Débutalbum veröffentlicht, das noch weit ins Jahr hineinstrahlen dürfte. Der vielschichtige Indierock der Luzerner entwickelt eine Intensität, der man sich kaum entziehen kann.

Dass die Platte so grenzenlos klingt, hat auch mit dem Entstehungsort zu tun: Für die Aufnahmen reisten Kapnorth nach Island. «Wir wollten weg von Luzern, weg vom Alltag. Wir wollten nur die Musik im Kopf haben und gar nichts anderes», sagt Gitarrist Marius Disler. Bei der Suche nach einem Studio kam er zufällig auf die Internetseite der Sundlaugin-Studios in der Nähe von Reykjavik – «mitten im Nirgendwo», wie Disler sagt. Der Band sei sofort klar gewesen, dass sie die Platte dort aufnehmen möchte. Sie schickte dem Toningenieur Birgir Jón Birgisson, der das Studio mit der isländischen Gruppe Sigur Rós besitzt, zwei Demo-Aufnahmen.

Freiflächen mit Island füllen

Als «Kraftplatz» bezeichnet Disler den Ort, wo sich die Band für die Aufnahmen einnistete. «Nicht nur das Studio hat uns in seinen Bann gezogen, auch die Landschaft. Alles ist karg, die Landschaft ist bräunlich, es windet immer, das Meer ist nie ruhig.»

Diese Stimmung floss in die Platte ein. Kapnorth hatten in ihren Songs bewusst Freiflächen gelassen, die sie mit diesen Eindrücken füllten. Sie experimentierten mit den verschiedenen Instrumenten im Studio und versuchten, Island in ihrer Musik spürbar werden zu lassen. Das zeigt sich vor allem bei den Übergängen zwischen den Stücken – oder im ersten Teil von «A Silver Silence». In dem Song passiert mehr als bei anderen Gruppen auf einer ganzen Platte. Einen grossen Einfluss darauf habe Birgisson gehabt, sagt Disler: «So rauh wie die Landschaft war, so rauh und natürlich ist der Klang, den er unseren Aufnahmen verpasst hat.»

Kapnorth errichten auf ihrem Album weite Spannungsbögen. Das Eröffnungsstück «Delirious», hört sich wie ein Sonnenaufgang über einer von Nebelfetzen verzierten Meeresoberfläche an. «The Marshes» kommt wogend daher und beim kontrastreichen Schlusstrack «Eruptor Core» beginnt die Elektronik plötzlich wie ein Geysir zu blubbern.

Vielfältig und komplex

«Thunder Lightning Storm» ist dennoch keine Platte, die den Hörer sofort anspringt. Vielmehr schleicht sie sich an, zieht dann aber die Aufmerksamkeit auf sich, ehe sie einen schliesslich packt und nicht mehr loslässt. Ruhige Passagen wechseln sich mit lauten Ausbrüchen ab, anfangs langsame Stücke gewinnen plötzlich an Fahrt. Die Dynamik, die klangliche Vielfalt und emotionale Bandbreite, aber auch die kompositorische Komplexität machen diese Platte zu einem Erlebnis. Kapnorth haben lange an den Stücken gefeilt, ihnen die Ecken und Kanten aber nicht abgeschliffen.

Die Luzerner Gruppe hatte im November 2008 zusammengefunden. Damals beschlossen die beiden Gitarristen Marius Disler und David Buntschu, ein neues Projekt auf die Beine zu stellen. Sänger Elia Lobina, Schlagzeuger Jonas Beetschen und der damalige Bassist Carlo Sigrist komplettierten die Gruppe. Von Anfang an war klar, dass Kapnorth «anders» sein und ambitionierte Musik spielen wollte. Eine gemeinsame musikalische Sprache zu finden und sich in ihr ausdrücken zu können, sei anfangs jedoch nicht einfach gewesen, sagt Disler. Es ist erstaunlich, wie unmissverständlich der Band das nun auf dem Débutalbum gelingt.

Kapnorth: Thunder Lightning Storm (Goldon Records/Irascible)

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