Lieber untot als lebendig

Das Theater Konstellationen zeigt in der alten Backstube der Bäckerei Schwyter in St. Gallen mit «Nekropolis» seine letzte Produktion. Der aus St. Gallen stammende Regisseur Jonas Knecht, Mitbegründer der freien Truppe, wird zu Beginn der neuen Spielzeit ans Theater St. Gallen wechseln.
28. April 2016, 02:40
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

ST. GALLEN. Ein Raum, von dem jeder zeitgenössische Theatermensch wohl träumt: Weissgekachelte Wände; begehbare Kühlräume, numeriert von eins bis vier; ein angerosteter Papierspender zum Abtrocknen der Hände; Warntäfelchen am Fenster mit der Aufschrift: «Es dürfen NUR Fenster mit Fliegengitter geöffnet werden.» Vor diesen Fenstern der St. Galler Blumenmarkt, ein mobiler Bratwurststand, das Tui-Reise-Center, darüber in grossen Lettern die Anschrift der Cembra-Money-Bank und die leidigen Parkplätze – Jonas Knecht, der Regisseur der Produktion «Nekropolis» hatte sie neulich in einem Gespräch thematisiert beziehungsweise kritisiert.

Die Aussicht könnte nicht besser, nicht inspirierender sein. Sie reicht bis hinüber zu dem Markthäuschen, wo sich vor nicht allzu langer Zeit das Publikum einnisten konnte, um draussen auf der Strasse die Produktion «Willkommen in der Tyrannei meiner Intimität» des Theaters Konstellationen mitzuverfolgen. Damals wusste Jonas Knecht, der seit 1999 über zwanzig Projekte mit Theater Konstellationen realisiert hat, noch nichts davon, dass er ab Sommer 2016 das Schauspiel im Theater St. Gallen leiten würde. Vielmehr war er gerade sehr stolz darauf, vom Kanton St. Gallen eine Basisförderung für drei Jahre erhalten zu haben.

Das Phänomen Zombie

Mit der letzten Tranche dieser Unterstützung aus dem Lotteriefonds wird nun in der Schwyter'schen Ex-Backstube über das Phänomen des Stadiums zwischen Lebendig- und Totsein nachgedacht. «Nekropolis», geschrieben von der aus Klagenfurt stammenden Autorin und Dramaturgin Anita Augustin, war ursprünglich als Live-Hörspielserie angedacht gewesen. Doch die Backstube, grosszügig zur Verfügung gestellt von Bäckermeister Schwyter, schrie geradezu nach Schauspiel im Brotteig.

Draussen ist Apokalypse. Von den drei Überlebenden ist einer bereits infiziert und mimt das unbarmherzige Leben als Unterhund. Die andern beiden (sie werden von der neuen Spielzeit an zum Ensemble am Theater St. Gallen gehören) – Anja Tobler als Anja und Hans-Jürg Müller als Hans Jürg machen auf normalen Alltag und essen Konservenbohnen.

Abgeleitet von Filmen wie «The Walking Dead» oder «Zombieland», verschiebt diese spritzig-komödiantische Produktion Zombies als Metapher in den ganz realen Wahnsinn. Untote, wohin man blickt: Gebissen wird man nicht von sabbernden Monstern, sondern von der brutalen Erkenntnis, nicht mehr sterben zu können. Medizin und Chirurgie machen's möglich. Metall- und Kunststoffteile; Organtransplantation, Schläuche, Bänder, Pillen – und am Ende die langsame geistige Verwesung.

Das Theater zu den Menschen

«Nekropolis» ist ein Pilot, der in späteren Fassungen für weitere deutschsprachige Bühne weiterentwickelt und als Paket mit dem Titel «Zombiezoff-Kit» angeboten wird. Vorläufig haben Konstanz und Aachen zugesagt. Auch das Theater St. Gallen ist infiziert. Den Virus ins Haus geschleust hat der neue Schauspielleiter Knecht höchstpersönlich. Er wird in der neuen Spielzeit tun, was ihm am meisten am Herzen liegt: Das «Gift» theatraler Behauptungen auf der Strasse versprühen, auf dass möglichst viele davon angesteckt werden.

Premiere: Fr, 29.4., 20 Uhr, Marktplatz 11; weitere Vorstellungen: Sa/Di/Mi, 30.4./3./4.5. Reservation erforderlich. www.theater-konstellationen.net

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