Kunst, die Funken sprüht

AUSSTELLUNG ⋅ «Wunde®n» lautet der Titel der Schau im Kunstmuseum Appenzell. Hanny Frick hat die Werke gesammelt und möchte ihre Begeisterung für ihre Kunst mit den Museumsbesuchern teilen.
29. Dezember 2016, 05:38
Christina Peege

Christina Peege

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

«Es muss funken», antwortet Hanny Frick auf die Antwort, welche Kunst sie sammelt und warum. Mit dem Kopf allein, sagt die zierliche Liechtensteinerin, könne man eine solche Sammlung gar nicht aufbauen. Seit den 1960er-Jahren sammelt sie Kunst. «Erst aus reiner Freude, dann mit wachsendem Verantwortungsgefühl für Kunstschaffende und ihre Werke», sagt sie. Seit einigen Jahren ist die Kunstsammlung in der «Mezzanin Stiftung für Kunst» aufgehoben und im Rahmen der Stiftung wird sie in Ausstellungen zugänglich gemacht.

Ungewöhnlich sind verschiedene Aspekte an der Sammlung und der Sammlerin. Hanny Frick ist keine Kunsthistorikerin. Auch sammelt sie ohne heute so modische Artconsultants, die oft nur den einen Auftrag haben, Kunstsammlungen zu Renommierprojekten und wertvermehrenden Kapitalanlagen zu machen.

Viele Werke von Frauen

Die Liechtensteinerin sammelt vor allem Kunst, die noch nicht etabliert ist und deren ­Preise noch nicht durch die Decke gegangen sind. Was an den 101 Werken von 48 Kunstschaffenden verblüfft, ist die mediale Vielfalt. Malerei, Skulptur, Fotografie, Collage, Kunst aus Afrika und Kunst, an die gar kein Label passt. Wo in anderen Kunstsammlungen die «grossen Namen» fast ausschliesslich von Männern dominieren, findet man sehr viele Positionen von Frauen. Programm war das nie, beteuert Frick. «Ich selber musste mich nie gegen Männer wehren», sagt sie. «Vielleicht liegt die Präsenz von Künstlerinnen in der Sammlung in der Tatsache begründet, dass die Sammlerin sich für Materialität und Wesenhaftes besonders interessiert», erklärt Roland Scotti. Der Kurator des Kunstmuseums Appenzell hat die Werke in den zehn Räumen so angeordnet, dass weniger das einzelne Kunstwerk als «Hingucker» in Erscheinung tritt, sondern Herangehensweisen an Fragestellungen und Themen veranschaulicht werden.

Gleich im ersten Raum begegnen einem die Arbeiten der Rheintaler Künstlerin Nesa Gschwend. Sie hat einen Raum allein für ihre Werke erhalten. Hier ahnt man, in welchem Spannungsfeld die Sammlung Mezzanin zu sehen ist: Es geht um die Lust am Material – so verwendet Gschwend Haare, Wachs oder abgelegte Kleider ihrer Familie für die Werke. Die Gesichter aus Haar fragen aber auch nach dem Menschen, nach seinen Dimensionen. Die zwei grossformatigen Arbeiten unter dem Titel «Kopfraum» fragen nach dem Innen und Aussen des Menschen. Über die Materialien ist Gschwend körperlich präsent. Stärker aus der Kunstgeschichte heraus ist der zweite Raum gestaltet. Hier geht es um Farb-Malerei, um Farbe als Material und Mittel, so etwa um Plastiken zu gestalten. Man begegnet unter anderem einem Werk des Ostschweizer Malers Velimir Iliševic, dessen feine und von der Naturbeobachtung ausgehende Abstraktion der intensiv gestischen Malerei von Michael Toenges gegenübergestellt wurde.

Die Kunst macht vor nichts Halt

Unter die Haut gehen die Kabinette, in denen Themen wie Vergänglichkeit verhandelt werden oder das Leben dem Tod gegenübergestellt wird. Der «schöne Leichnam» von Jürgen Brodwolf berührt, schreckt aber nicht, schon eher der Pferdekopf aus Bronze, der aus einem Pferdekadaver gegossen wurde. Die Radierungen von Pflanzen, die wie skelettierte und gehäutete Lebewesen aussehen, gehen eher direkt unter die Haut. Umso mehr, wenn man weiss, dass Radierungen mit Säure hergestellt werden.

Suche nach Identität, Sehnsucht nach Transzendenz, die Sprache als verspieltes Zeichensystem und Bild – Kunst macht vor nichts Halt und man versteht die Aussage von Frick in einem von Sebastian Frommelt gedrehten, sechsminütigen Film, dass Kunst die Welt jenseits von Schulweisheit erschliesst. Kunst und Natur können ebenso mit dem Gefühl von Hanny Frick wie mit dem Intellekt von Roland Scotti angeschaut werden. «Was wir in der Natur sehen, beeinflusst das Kunstsehen – was wir in der Kunst erkennen, beeinflusst die Sicht auf die Natur», sagt Scotti. Als Besucher der Ausstellung erhascht man durch die grossen Fenster immer wieder einen sich wandelnden Ausblick auf die Appenzeller Landschaft. Wundern kann man sich hier überall.

Bis 7. Mai 2017, Kunstmuseum Appenzell. Di–Sa 14–17, Sa/So 11–17 Uhr


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