Kunst aus einem Sack voller Geld

Annina Thomann hat kürzlich einen Werkbeitrag der Stadt St. Gallen erhalten. Die junge Künstlerin arbeitet in einem Atelier in der Reithalle mit so unterschiedlichen Materialien wie Bauschaum oder Porzellan. Demnächst verlegt sie ihr Atelier für drei Wochen in den Stadtpark.
19. Juli 2016, 02:35
CHRISTINA GENOVA

ST. GALLEN. Annina Thomanns Atelier hat etwas Klösterliches. «Mir gefällt die konzentrierte Atmosphäre», sagt die 29jährige St. Galler Künstlerin. Seit anderthalb Jahren arbeitet sie im langen, schmalen Raum in der Reithalle, wo sich noch andere Künstlerateliers befinden. Vermieterin ist die Stadt St. Gallen. Von ihrem Studium an der Berner Hochschule der Künste und ihrem Erasmus-Semester an der Amsterdamer Rietveld Academy war sie anderes gewohnt. Dort arbeitete Annina Thomann mit anderen Studenten in einem Grossraumatelier, oft bis tief in die Nacht hinein. Es gab immer jemanden, mit dem sie sich austauschen konnte: «Das vermisse ich hier.»

Zurück in die Ostschweiz

Nach sechseinhalb Jahren kam Annina Thomann 2014 zurück in die Ostschweiz. Nicht aus Heimweh, sondern weil sie in Appenzell ihre erste Stelle gefunden hatte. Als einer ihrer Dozenten davon erfuhr, empfahl er ihr: «Nehmen Sie sich vor, mehr denn je zu reisen.» Diesen Rat hätte er sich sparen können. Denn die Künstlerin besitzt das Generalabonnement der SBB und besucht regelmässig Kunstausstellungen in der ganzen Schweiz. Ausserdem pflegt sie Kontakte zu Freunden in Bern, Basel und Zürich.

Bereit für Neues

Die Vorurteile, die hinter der Empfehlung des Dozenten stecken, teilt Annina Thomann nicht. Nach einer Angewöhnungszeit hat sie sich wieder gut in St. Gallen eingelebt: «Ich fühle mich hier wahnsinnig wohl.» Sie schätzt die relativ tiefen Lebenshaltungskosten und das gute Kulturangebot. Seit Anfang Jahr ist sie im Vorstand von Visarte Ostschweiz, dem Verband der bildenden Künstlerinnen und Künstler, und beim Projektteam von Fünfstern. Für das Kunstmuseum St. Gallen arbeitet Annina Thomann als Freelance-Kunstvermittlerin. Bis vor kurzem unterrichtete sie an einer Kunstschule in Chur, und ab August wird sie an der GBS St. Gallen mit Jugendlichen arbeiten, die den gestalterischen Vorkurs besuchen.

Annina Thomann hat keine fixen Ateliertage. In der Reithalle arbeitet sie nicht nur an neuen Werken, sondern bereitet auch den Unterricht und manchmal Führungen vor. Manchmal bleibt dabei kaum Zeit für die Kunst. Deshalb freut sich Annina Thomann sehr über den kürzlich erhaltenen Werkbeitrag der Stadt St. Gallen. Die 10 000 Franken verschaffen ihr finanziell etwas Luft, so dass sie sich ab August bis auf weiteres zwei Ateliertage pro Woche erlauben kann.

Da das Atelier nicht allzu gross ist, lagert Annina Thomann einige Werke und Materialien bei sich zu Hause. Erst kürzlich hat sie es aufgeräumt und geputzt: «Jetzt ist es bereit für Neues. In einem vollen Raum könnte ich nicht arbeiten.» Das Putzen war nötig, weil das ganze Atelier mit glitzernden Farbpigmenten bedeckt war. Diese verwendete die Künstlerin für die Oberfläche des geheimnisvollen Pilzes, der zurzeit im Park des Kulturortes Weiertal in Winterthur wächst, an der Gruppenausstellung «Just a perfect day».

Faszination Keramik

Zwei Prototypen des Pilzes, den die Künstlerin aus Polyurethan-Schaum hergestellt hat, befinden sich noch im Atelier. Diverse Materialproben, welche Thomann dafür angefertigt hat, lagern in einem Regal neben dem Fenster. Weitaus den meisten Platz beanspruchen dort weisse Röhren in verschiedenen Längen, Formen und mit unterschiedlichen Durchmessern. Annina Thomann hat sie aus Porzellan hergestellt. Kombiniert mit Fahrradschläuchen waren sie als Installation Teil ihrer Masterarbeit. Letztes Jahr zeigte die junge Frau eine Weiterentwicklung davon in einer Ausstellung in Zürich. Anstatt Fahrradschläuche verwendete sie Stränge aus Stromkabeln in diversen Farben. «Keramik ist das Material, das mich am meisten fasziniert», sagt Annina Thomann, «Aber ich will mich nicht darauf festlegen.»

Ab nächstem Dienstag wird Thomann ihr Atelier für drei Wochen in den Frauenpavillon im Stadtpark verlegen. Jeden Dienstag und Donnerstag wird man sie dort besuchen können. Geplant ist eine raumgreifende Installation. Das Ausgangsmaterial steht schon im Atelier bereit. Es befindet sich in einem unscheinbaren schwarzen Plastiksack. Er ist gefüllt mit gut einer Million Schweizer Franken in Form von geschredderten Banknoten. Die Künstlerin hat sie von der Nationalbank in Bern bekommen. Mitnehmen wird die Künstlerin auch die farbigen Stromkabel, die von ihrer letzten Installation übriggeblieben sind: «Vielleicht entsteht daraus ein Mobile.» Im Frauenpavillon will sich Annina Thomann mit Fragen rund ums Geld beschäftigen: «Ich selbst könnte meine Woche wunderbar füllen mit Jobs, mit denen man kein Geld verdient.»

Ab 26.7. Di und Do von 10–12 / 14–18 Uhr, Sommeratelier im Frauenpavillon Stadtpark St. Gallen. Präsentation des Werks: So, 14.8.

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