Irgendetwas läuft hier schief

«Willkommen in der Tyrannei meiner Intimität» heisst das szenische Hörstück des Berliner Theaters Konstellationen, das momentan auf dem St. Galler Marktplatz gegeben wird. Eine überraschende Begegnung mit sich und den andern – auf sehr unkonventionelle Art.
18. Oktober 2013, 02:34
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

Es ist alles ein bisschen anders als sonst. Okay, man sitzt ja auch nicht jeden Tag in einem Markthäuschen am Strassenrand, lässt sich dort einquetschen wie in eine Sardinenbüchse und dann erst noch von den Passanten begaffen, als wäre man ein Tier im Zoo. Oder ein Blumentopf. Oder ein Kopfsalat.

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Die Schauspieler stehen draussen und das, was sie reden, hören nur die jeweils 15 Zuschauerinnen und Zuschauer, die in dem mit Isoliermatten ausgekleideten Häuschen auf den zwei Bänken sitzen (Ausstattung: Markus Karner). Die Verkaufslade ist noch hochgekippt, eine Off-Stimme behauptet, «wir befinden uns auf dem Gipfel eines Berges. Die Sonne steht strahlend am Himmel.» Na Prost.

Es dämmert und fröstelt an diesem Mittwochabend, und der Berg ist hier der Marktplatz um 18.30 Uhr. Ladenschluss. Nebenan packt die Blumenfrau ihre Töpfe zusammen; Die Trogenerbahn quietscht, ein Taxichauffeur lehnt an der Tür seines Autos, Leute gehen vorbei, bleiben stehen, drehen unschlüssig oder ratlos oder neugierig oder irritiert den Kopf, ein paar winken in Richtung Publikum, einige kennt man: ein Galerist, ein Arbeitskollege, noch einer, die Nachbarin. Und von der Strasse her hören wir die Stimmen der zwei namenlosen Männer, die gerade so gut zwei Frauen oder auch ein Mann und eine Frau sein könnten. Sie reden und scheinen mit Vorbeigehenden in Kontakt treten zu wollen, doch die hören und verstehen ja nichts. Und sowieso scheinen die beiden Figuren, die keinen Blickkontakt aufnehmen, mehr zu sich selber als zum andern zu sprechen. Gehetzt und auf der Suche nach nichts wetzen sie herum, wechseln die Strassenseite, und das, was wir sie sagen hören, klingt im Häuschen so, als hörten wir die Stimmen in unseren eigenen Köpfen. Und noch etwas trifft einen mit dem spitzigen Pfeil der Selbsterkenntnis: Es ist, als schauten wir hier drin uns selber zu. «Irgendetwas ist hier schiefgelaufen.»

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Das Hörstück handelt vom Menschen auf der Suche nach sich selbst. Mit all seinen Wünschen, Hoffnungen und Verletzungen, dem Steten und Unsteten. Übersättigt von Ablenkung, hungernd nach Nähe und Beachtung, lechzend nach dem Spiegel, in welchem der Narziss lächelnd bestätigt, besser als alle anderen zu sein. «Wozu leben, wenn keiner zusieht.» Axel Röhrle und Markus Mathis spielen, an nicht existierenden Fäden hängend, doch von der erfahrenen Regie-Hand eines Ernst-Busch-Absolventen geführt, das zeitgenössische Individuum auf den gnadenlosen Schlachtplatten von Arbeits-, Beziehungs- und Freizeitmarkt mit der Intensität von Verdurstenden.

Andi Peter schrammt auf seiner elektronischen Gitarre tief-melancholische Akkorde zu dem rhythmisch und inhaltlich dicht komponierten Text von Beatrice Fleischlin. Das Live-Hörspiel ist Teil der von ihr und Jonas Knecht entwickelten Co-Produktion «Mensch», die kommendes Jahr im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee uraufgeführt und danach neben zahlreichen weiteren Orten auch in der Lokremise gastieren wird.

Durch das raffinierte und unmittelbare Verschieben und «Umdrehen» von Realität und Fiktion sind wir als Zuschauer direkt ins Geschehen verwickelt, wir werden zum interaktiven Teil des Produktes «Mensch» und wissen, wir stecken mittendrin im Markthäuschen des Unerbittlichen. Bis zum Abgang.

Heute Fr 18.30 Uhr; Sa, 17 und 18.30 Uhr; Marktplatz. Anmeldung erforderlich unter www.theater konstellationen.ch/tickets

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