«Ich muss es aushalten, wenn keiner lacht»

Er ist freischaffender Theologe, begleitet Hochzeitspaare und Sterbende, gestaltet Abschiedsfeiern – und ist Kabarettist. Wolfgang Weigand ist mit «Der Tod ist doch das Letzte!» unterwegs und nimmt kein Blatt vor den Mund, rechnet Sterbehilfe gegen Verkehrstote auf und weiss, ob Krieg mehr Tote fordert oder Asthma.
05. Oktober 2015, 02:36
DIETER LANGHART

Herr Weigand, darf ein Theologe Kabarett über das Sterben machen?

Wolfgang Weigand: Ja, natürlich. Kabarett ist mein Hobby, die Begleitung von Trauernden und von Liebespaaren bleibt aber zentral. Aber ich bin einfach gerne mit meiner Urne unterwegs bei den Menschen.

In Ihrem Programm «Der Tod ist doch das Letzte!» erwähnen Sie die billigen Max-Havelaar-Rosen, die auf Gräber gelegt werden. Was haben Sie gegen Bio-Rosen?

Weigand: Ich mache mir lediglich Gedanken über das Verhältnis zwischen den Ausgaben für Kosmetika und Grabbeigaben. Ich will skurrile Zusammenhänge und Pseudokausalitäten aufzeigen. Und zum Schluss verteilt Hausmeister Urs Havelaar-Rosen an alle Besucher.

Sie regen sich auch über andere Ungereimtheiten auf.

Weigand: Grotesk ist etwa die Diskussion über Sterbehilfe. Dabei würde ein Tempolimit auf den deutschen Autobahnen jedes Jahr 1000 Tote weniger fordern. Aber das will niemand.

Wie geht es der Sterbehilfe?

Weigand: Der deutsche Bundestag wird sie im November wahrscheinlich per Gesetz verbieten. Ich war bei Exit dabei, ich kenne den Verein Sterbehilfe Deutschland. Zwei von drei Deutschen befürworten die Sterbehilfe, die Politiker nicht. Darum spreche ich in «Solo mit Urne» auch den Sterbetourismus an – an sich ein unerhörtes Wort. Dann die Groteske mit den Waffenexporten. 100 000 Tote pro Jahr durch deutsche Waffen – da regt sich niemand auf. Man kann doch nicht gegen das eine sein und gleichzeitig nicht gegen das andere.

Sind Sie noch Kirchenmitglied?

Weigand: Nein. Ich bin kirchlich unabhängig und konfessionslos. Und ich führe viele wertvolle Gespräche mit Angehörigen von Menschen, die mit Exit aus dem Leben scheiden. Es braucht bewusste Auseinandersetzung, keine Tabuisierung.

Wir haben doch eine wunderbare Medizin.

Weigand: Das ist auch ein Thema in meinem Programm. Unsere Überbehandlung verhindert das Sterben, auch aus ökonomischen Gründen. Ich sag immer: der Tod ist ein Bombendeal für diejenigen, die ihn am längsten hinauszögern.

Was ist mit der Palliativmedizin?

Weigand: Sie spielt noch eine zu geringe Rolle, ist bloss Nebenfach im Medizinstudium – nur jeder zehnte Arzt ist kompetent darin. Das Lighthouse in Zürich und ähnliche Einrichtungen sind leider Ausnahmen. Da dürfen Menschen natürlich sterben. Aber in einem normalen Spital?

Wo liegt die Lösung?

Weigand: Wir haben viel zu wenig Hospizplätze und zu wenig Geld dafür.

Kommen solche düsteren Themen denn an bei Ihrem Publikum?

Weigand: Ich habe noch nie negative Reaktionen erlebt. Aber als Kabarettist muss ich es aushalten, wenn keiner lacht.

Als Comedian wären Sie da auf der sicheren Seite.

Weigand: Genau. Jeder Lacher ist ein Feedback. Und entspannt.

Was also ist Ihre Stärke?

Weigand: Ich bin durchaus kritisch – und anspruchsvoll. Aber ich recherchiere intensiv, das macht mich glaubwürdig. Und ich überspitze Zahlen nicht, sie sprechen für sich. Und über die letzten und vorletzten Dinge kann man sich einfach herrlich amüsieren.

Beziehen Sie die Zuhörer mit ein?

Weigand: Ich frage sie etwa: «Was glauben Sie, woran sterben mehr Menschen – an Asthma oder in Kriegen?»

Und?

Weigand: Asthma wäre hier der Sieger.

Machen Sie sich so nicht lustig übers Sterben?

Weigand: Nein, ich karikiere nur, wie Menschen, Politiker, Ärzte – und wir alle – mit ihm umgehen.

Was ist der Tod für Sie?

Weigand: Ein Faktum. Und, ganz pragmatisch, meine Existenz als Bestattungsbegleiter. Ich lebe ja davon, dass ich Menschen beerdigen darf. Das waren in den letzten Jahren etwa 400.

Und wie läuft denn Ihr Kabarett?

Weigand: Ich geniesse die Auftritte und die Provokation, Menschen zu unterhalten und nachdenklich zu machen – und den Luxus, Zeit dafür zu haben.

Was kostet Kabarett mit Wolfgang Weigand?

Weigand: Ich trete bisher ohne feste Gagen auf, aber die Kollekten sind grosszügig.

Haben Sie Vorbilder?

Weigand: Ich liebe das deutsche politische Kabarett, und Georg Schramm ist mir Vorbild.

Wen mögen Sie nicht?

Weigand: Na ja, Andreas Thiel zum Beispiel.

Ist «Haben Sie Angst vor dem Tod?» eine dumme Frage?

Weigand: Nein. Ich würde fragen: «Wovor genau haben Sie Angst?» Dass wir nicht wissen, was auf den Tod folgt, ist befreiend: Mysterien, Tabus und Geheimnisse schützen ja auch.

Was raten Sie als Kabarettist?

Weigand: Besorgen Sie sich einen guten Sarg, japanische Edelkirsche hält länger.

Wolfgang Weigand: Solo mit Urne

Mo, 19.10., 19.30 Uhr, Rotfarbkeller, Aadorf; Di, 20.10., 18 Uhr, Concordia Winterthur, mit «Leidmahl»; Fr, 30.10., 19.30 Uhr, Parterre33, St. Gallen. www.schritte.ch


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