«Brüssel? Das geht mir am Arsch vorbei»

MUNDARTROCKER ⋅ Der Berner Mundartsänger Gölä spricht im Interview zu seinem neuen Album «Stärne» über seine schwierige Kindheit, warum er in seiner Familie der Leitwolf ist – und wieso wir unser Land selber kaputtmachen.

14. Oktober 2016, 07:57
Interview: Stefan Künzli

Schon zwei Wochen bevor Gölä (Marco Pfeuti) sein neues Album präsentiert, wirbelte er dank seiner politisch unmissverständlichen Aussagen «Die Schweiz ist zu links» im «Sonntags-Blick» viel Staub auf. Der Berner Sänger spielt es herunter, als er mit seinem Manager zum Interview erscheint: «Das habe ich gar nicht mitbekommen, ich bin nicht auf Facebook.»

Wie haben denn Musikerkollegen reagiert?

Mit Musikern habe ich keinen Kontakt. Ich sehe mich als Büezer und Unternehmer, der stolz darauf ist, alles selbst aufgebaut und erarbeitet zu haben. Nicht so wie zum Beispiel Sophie Hunger, die vom Staat aufgepäppelt wird.

Der Schweizer Musikpreis, den Sophie Hunger erhielt, ist eine Würdigung. Würden Sie ihn nicht annehmen?

Die ehrliche Würdigung erhalte ich vom Publikum. Für mich zählt Geld weniger als das, was ich an Konzerten erlebe. Ich nehme keine Almosen. Das heisst: Ich würde den Musikpreis gern nehmen, ich würde mich geehrt fühlen. Aber die 100 000 Franken würde ich mit jenen teilen, denen es wirklich beschissen geht. Eben nicht dem Penner vor dem Denner. Ich würde es zum Beispiel einem Kinderspital spenden. Aber die Frage stellt sich gar nicht: Ich werde ihn nie erhalten.

Im Song «Irgendeinisch» auf Ihrem neuen Album singen Sie von jenen, denen es in unsrer Gesellschaft wirklich dreckig geht.

Es geht mir um jene, die unverschuldet im Scheiss sind. Es geht mir um die wirklich Benachteiligten. Da bin ich sehr sozial.

Die wirklich Benachteiligten heute sind die Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Engagieren Sie sich da auch?

Die Flüchtlinge haben mein Mitgefühl, aber die Frage ist eine andere: Macht es wirklich Sinn, dass wir fremde Kulturen nach Europa importieren? Europa war auch mal am Boden. Wir mussten lernen, miteinander auszukommen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es Kulturen gibt, die sehr rückständig sind. Sie müssen diese Erfahrungen noch machen. Aber wir können ihnen vor Ort helfen. Wir sollten sie in ihrem Land unterstützen, statt die Probleme zu importieren.

Wie informieren Sie sich eigentlich?

Das glaubt mir ja wahrscheinlich niemand, aber ich lese von Wissenschaftsbüchern bis Asterix und Lucky Luke alles. Mich hat auf der Welt immer alles interessiert. Ich bin kein Spezialist, aber ich weiss gern von allem etwas und will die Zusammenhänge kennen.

Im Song «Dr glich Ring am Finger» zelebrieren Sie die Ehe und Treue. Sie selbst sind aber zum zweiten Mal verheiratet.

Die Ehe ist mir völlig egal. Ich habe meine Frau aus Liebe geheiratet. Mir ist wichtig, was ich zwischen mir und meiner Frau spüre. Was mich heute stört, ist diese Gleichgültigkeit. Alles ist möglich, alles okay. Ob schwul, bisexuell, lesbisch oder sonst was. Wie in Sodom und Gomorrha. Und alles, was noch vor kurzem normal war, gilt heute als spiessig.

Wie halten Sie es mit der Treue? Die hat's im Leben eines Rockstars doch schwer.

Treue ist für mich das Wichtigste. Das ist Ehrensache. Ein aufrichtiger Kerl betrügt seine Partnerin nicht. Ich hatte nie Groupies, habe immer die Liebe gesucht.

In «Eines Tages» geht es um eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Autobiographisch?

Meine Lieder erzählen immer von mir. Ich bin im Emmental noch in einer alten Welt aufgewachsen. Mein Vater und ich lebten in einer Art Gotthelf-Beziehung. Wenn ich nicht parierte, gab es Schläge. Das ist aber immer noch besser als heute, wo den Kindern keine Grenzen mehr gezeigt werden. Und ich muss zugeben: Ich war ein Saugof. Mein Vater musste durch die Hölle und ich auch.

Und wie ist das mit Ihren zwei Buben?

Wenn sie in die Pubertät kommen, geht es ab. Aber ich hoffe doch, dass ich meine beiden Buben später in die Arme nehmen und mit ihnen ein Bier trinken kann. Bei meinem Père und mir hat es 35 Jahre gedauert, bis ich sagen konnte: Doch, du hast alles richtig gemacht. Heute ist er 77 Jahre alt, ich habe ihm bewiesen, dass ich etwas aus mir gemacht habe.

Was bedeutet Ihnen Familie?

Meine Familie ist mir heilig, mein Ein und Alles. Ich beschütze sie, wenn sie bedroht wird. Sie ist mein Wolfsrudel und ich bin der Leitwolf.

Im Lied «Mir beidi» beschreiben Sie den Kampf gegen den Rest der Welt. Fühlen Sie sich unverstanden?

Ich habe immer polarisiert. Man mag mich oder hasst mich. Wieso man mich wegen meiner Musik mag, hab ich nie verstanden. Aber wieso Leute mich ein Arschloch nennen, ohne mich zu kennen, verstehe ich überhaupt nicht. Und es wird immer schlimmer, die sozialen Medien befördern das.

Die meisten neuen Lieder haben einen negativen Touch. Dabei hatte ich immer das Gefühl, dass das Leben es mit Gölä eigentlich noch gut meint. Irre ich mich?

Nein, mir geht es prächtig. Aber alles ist Yin und Yang. Alles hat zwei Seiten: Wenn mir die Liebe meines Lebens geschenkt wird, wächst gleichzeitig die Angst, sie zu verlieren. Alles hat eine schlechte Seite.

Was halten Sie von Donald Trump?

In Amerika ist es völlig egal, wen man wählt. Im Hintergrund wirken andere Mächte.

Würden Sie Donald Trump wählen?

Das weiss ich nicht. Aber Donald Trump sagt: Americans first! Das gefällt mir. Das möchte ich auch von unseren Politikern in Bern hören: Die Schweiz und die Schweizer zuerst! Brüssel? Das geht mir am Arsch vorbei.

Der Schweiz geht es aber immer noch überdurchschnittlich gut. Was läuft denn aus Ihrer Sicht falsch?

Wir machen unser Land selber kaputt. Wir haben unfähige Politiker. Ohne Not haben sie das Bankgeheimnis aufgegeben. Die Swissair gibt es nicht mehr. Wieso musste keiner der Verantwortlichen dafür bezahlen? Stattdessen mussten wir Schweizer Steuerzahler dafür geradestehen.

Hat die Familie Pfeuti am Mittagstisch politisiert?

Meine Eltern führten 30 Jahre eine Beiz in Oppligen. Wir hatten keinen Mittagstisch. Über Mittag haben meine Eltern gearbeitet, und zum Abendessen kamen die ersten Gäste. Wir kannten diese Art Beisammensein gar nicht und hatten nicht mal eine richtige Stube.


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