Gut gekurvt ist halb gemondet

Im Theater 111 war der Zuschauerraum bis auf den letzten Platz besetzt, sogar auf den Treppenstufen sassen die Leute, als am vergangenen Samstag Joséphine Françoise und Laura Ender als Duo Bildhübsch wortlos um die Kante kurvten.
24. Oktober 2013, 02:34
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

Es war, als hätte der Rand des runden Mondes jener Nacht sich gedehnt, als wäre seine helle Schwere dem Gesetz der Schwerelosigkeit erlegen. So sah es aus, wie der Schein eines grossen Mondes, der den aus Stoffbändern gewebten Paravent beleuchtete. Ein breiter vertikaler Streifen trennte rechts und links – eckig und rund. Dahinter beginnt das Techtelmechtel der zwei Figuren als Schattenspiel. Sie suchen sich und fliehen, wagen sich vor und weichen zurück. Dazu erst akustische Gitarre, später Klavierspiel ab Band.

Clowninnenspiel

Hinter dem «Sichtschutz» ein Ausstrecken des Arms, der bisweilen voller Sehnsucht länger und länger wird. Ein schöner Effekt, wenn die eine Artistin, versteckt hinter dem dunklen Streifen, die Bewegung der andern übernimmt und so der Arm unendlich lang gedehnt wird. Françoise und Ender spielen mit der Illusion, mit dem Vorstellungsvermögen. Sie glauben – in der Regie von Tom Greder – an die Aussagekraft der Pantomime – warum auch nicht, sind sie doch beide Schulabgängerinnen der Scuola Teatro Dimitri. Clowninnen. Rote Bäckchen. Die Beinkleider im gleichen gewebten Stil wie der Paravent, was was heissen soll, wahrscheinlich.

Nachdem die beiden unterschiedlichen Figuren eine ganze Weile versucht haben, sich hinter dem Vorhang gegenseitig in ein günstiges Licht zu stellen, ihre Plätze getauscht und sich alle Mühe gegeben haben, bei der jeweils andern nicht allzu schlecht abzuschneiden, wird endlich «um die Kante» gekurvt. Nun kokettieren und rivalisieren sie vor dem Vorhang um den günstigen Platz an der Sonne: das Runde, Weiche gegen das Eckige, Geordnete. Die umwerfende, gewinnende Mimik der «Runden» (Joséphine Françoise) wirkt ansteckend. Sie will tanzen, fröhlich sein und tut sich schwer mit der etwas steifen «Eckigen» (Laura Ender), die ihr Gegenüber dann gleich auch noch mit einer etwas sonderbaren Schulter-«Zwangsjacke» in den Senkel stellen will.

Zwei Seelen in der Brust

Dualismus erzeugt Kontraste und einen Spannungsbogen: Wir mögen Dinge an uns und hassen andere. Wir möchten mutig sein oder locker und sind feige und starr. So ist das, im Leben wie im Theater. In diesem kleinen Kammerspiel halten wir Schritt am Rande des Mondes, wir werden gross und grösser, gehen kopfüber der Biegung entlang wie der kleine Prinz und wünschten uns, es wäre unsere, nur unsere Gute-Nacht-Geschichte. Das Stück sollte man auch für Kinder spielen.

Weitere Vorstellungen: 26. und 27. 10., Theater 111, Grossackerstr. 3, (altes Kinok), 20 Uhr 15., 16. 11., TanzRaum Herisau

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