«Gott segne Sie, so gut es geht»

Matthias Peter holt in der St. Galler Kellerbühne Hermann Melvilles «Bartleby» zurück ins Rampenlicht. Selbstverständlich möchte Bartleby der Schreiber das lieber nicht – und bleibt unsichtbar.
03. November 2016, 16:55
Bettina Kugler

Ein grüner Paravent, ein Aktenschrank, ein Stuhl: Die neue Einmann-Produktion in der Kellerbühne nach Melvilles «Bartleby der Schreiber» braucht kaum mehr an Ausstattung. Geht es doch in der Erzählung aus einer Anwaltskanzlei an der Wall Street darum, dass sich ein blasser Jüngling von «steifleinener» Gestalt – eben Bartleby – in diesem Büro stillschweigend einnistet und dann immer mehr zurückzieht.

Sein Chef seinerseits, der namenlos bleibende Spezialist für Liegenschaften und ungeklärte Besitztümer, möchte die Sache am liebsten aussitzen. «I would prefer not to»: Diese notorische Antwort Bartlebys auf jegliche Aufforderung und Handlungsanweisung scheint ansteckend zu sein. Matthias Peter in der Rolle des erzählenden Advokaten spielt diese schleichende Beobachtung an sich selbst genüsslich und ironisch aus.

Ein Phlegmatiker kommt an seine Grenzen

Der etwas umständliche Kanzleistil, den dieser Advokat auch als Erzähler unter Freunden pflegt – so jedenfalls spricht er ins Publikum, vertraulich, leutselig – ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Das ruhige, behaglich gleichförmige Leben, wie er es bevorzugt, gibt dem Abend den Grundton vor. Wäre da nicht der unsichtbare Eindringling, den er nicht mehr los bekommt: Bartleby. In leiser Hartnäckigkeit verweigert er sich der Zusammenarbeit. «Kollationieren» soll er seine Abschriften, das heisst, durch gemeinsames Gegenlesen mit dem Original vergleichen. Doch bald schon nimmt Bartleby nicht einmal mehr die Feder zur Hand. Geschweige denn, er träte hervor aus seiner Nische. Umso vordergründiger und emsiger tut Matthias Peter alles nur Mögliche, ihn aus der Reserve zu locken – wobei ihm hin und wieder auch der Geduldsfaden reisst. Wie ratlose Eltern mit einem trotzigen Kind spricht er ins Leere hinter den Wandschirm: mal freundlich einfühlsam, mal appellierend an Vernunft und guten Willen, dann mit gespielter Strenge und energischem Durchsetzungswillen. Weil all das zu nichts führt, wird er aufbrausend, ganz gegen seine Natur. Denn eigentlich möchte er lieber nicht herumschreien, womöglich diesen erbarmungswürdig einsamen Menschen vor die Tür setzen. Lieber spielt er sich ausgiebig warm, indem er die übrigen Bürogehilfen karikiert.

Musikalisch-muntere Widerworte

Man ahnt, dass ihn die Sache wider Willen an den Rand des Nervenzusammenbruchs führen wird – und dass er, ein geradezu nervtötender Phlegmatiker, vorher den Weg des geringsten Widerstands wählt: Nach vielen Runden um den Block überlässt er Bartleby das Büro und flieht in ein anderes. Gleichwohl bleibt die Geschichte spannungsvoll in der Schwebe zwischen Komik und tiefer Melancholie. Dies auch, weil sie jeweils im richtigen Moment musikalisch vif durchkreuzt wird. Regisseur Daniel Pfister hat selbst diese Einwürfe eingespielt; zuweilen wirken sie wie freche Antworten Bartlebys, die dieser lieber nicht mehr geben möchte. Jedenfalls widersprechen sie heftig der gewollt behäbigen Erzählweise; sie zwitschern wie eine Vogelschar vor dem Kalkweiss der Rückwand und dem aufgeräumten Interieur. Als wollten sie Tote aus den Gräbern holen.

Weitere Vorstellungen im November: 4.11., 20 Uhr, 5.11., 18 Uhr, 6.11., 11 Uhr.

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