Frischer Wind aus der Ostschweiz

In einem breit angelegten Werk lässt Mario Andreotti die moderne Literatur Revue passieren. Wichtige Ansatzpunkte des Neuen findet er in der Ostschweiz – im Handyroman und im Poetry Slam.
12. Mai 2015, 02:35
ROLF APP

Oliver Bendel ist ein vielseitiger Mann. Als Wissenschafter beschäftigt er sich mit Themen wie Maschinenethik und Informationsethik, also mit Fragen wie, welchen ethischen Ansprüchen Pflegeroboter genügen müssen. Als Wissenschafter hat er früher an der HSG gelehrt, heute hat er eine Professur an der Hochschule für Wirtschaft der Nordwestschweiz. Daneben gibt es den anderen Oliver Bendel. Den Mann, der Romane schreibt, der Haikus dichtet – und der den Handyroman in die Schweiz gebracht hat. Die Japanerinnen und Japaner lieben diese literarische Form schon länger.

Lara Stoll in der obersten Liga

Auch Lara Stoll ist eine vielseitige Frau. Sie macht Fernseh-Satire und ist unterwegs mit «Lara Stoll im Krisengebiet – Slam Poetry Lesung», einer, wie sie selber schreibt, «virtuosen zeitgenössischen Lesung über eine Gesellschaft, die Zeit und Nerven hat für die abstrusesten Probleme». Vor vier Jahren hat Lara Stoll den Thurgauer Kulturpreis bekommen, weil es ihr mit unermüdlicher Energie und literarischem Talent gelungen sei, sich in der obersten Liga der europäischen Spoken-Word-Szene zu profilieren. Mit sinniger Poesie, treffsicheren Pointen und experimenteller Lust an der Sprache bringe sie frischen Wind und neue Impulse in die Literatur- und Kabarettszene.

Auch wenn beide, Lara Stoll wie Oliver Bendel, mittlerweile in Zürich wohnen: Es ist in gewissem Sinn frischer Wind aus der Ostschweiz, den sie in die Literatur bringen. Wobei mit Blick auf unsere Region noch andere Namen zu nennen wären. Jener des Thurgauers Christian Uetz beispielsweise, der gerade einen neuen Roman vorgelegt hat. Oder jener des Toggenburgers Peter Weber. Oder jener des Rapperswilers Gerold Späth.

Aber bleiben wir bei den beiden Erstgenannten – weil sie literarisch so innovativ wirken. Der Literaturwissenschafter Mario Andreotti widmet in seinem kürzlich neu aufgelegten und beträchtlich erweiterten Standardwerk über die moderne Literatur – ohne sie namentlich zu nennen – Lara Stolls Domäne, dem Poetry Slam, wie Oliver Bendels Handyromanen denn auch eigene Unterkapitel.

Bendels Ostschweizer Spur

Oliver Bendel hat nicht nur in St. Gallen gearbeitet, sondern seinen 2008 erschienenen Roman «Künstliche Kreaturen» hier spielen lassen. Darin verliebt sich eine deutsche Professorin in eine Schweizer Studentin – und nebenbei wird die Ideen- und Entwicklungsgeschichte der künstlichen Kreaturen erzählt. Ausserdem: «Mein Gedichtband <Die Stadt aus den Augenwinkeln> (2004) ist in St. Gallen entstanden», erklärt er selber. «Man erkennt die Stadt an jeder Stelle.»

In seinem Buch schlägt Mario Andreotti einen weiten Bogen. Er geht aus von einem «gewaltigen geistes- und literaturgeschichtlichen Wandel seit Beginn des letzten Jahrhunderts» und unterzieht die seither veröffentlichte Literatur einer systematischen Sichtung. Kritisch stellt er fest, dass die neuere Literatur sich ins Private zurückzieht und zum Event verkommen ist. Aber aufmerksam arbeitet er auch das Neue auf: Zum Beispiel die Spoken-Word-Bewegung und den Handyroman.

In andere Geschichten abbiegen

Mit der Erfindung des Internets im Jahre 1990 beginnt sich ein völlig neuer Typ von Literatur herauszubilden, stellt Mario Andreotti fest. Sie baut auf den Möglichkeiten des Computers auf und sucht experimentell nach immer neuen Formen. Zum Beispiel in Gestalt jener Netz- oder Webliteratur, die am Bildschirm gelesen werden muss, und deren wesentliches Medium der Hypertext oder die Hyperfiction ist. Über markierte Querverweise, Hyperlinks, kann der Leser in eine andere Geschichte abbiegen. Das bedeutet: Die Geschlossenheit des Textes löst sich auf.

Auch das Handy ist zum Versuchslabor geworden in Gestalt des von Oliver Bendel in unseren Breiten heimisch gemachten Handyromans. Geprägt wird er von der Grösse des Displays und der Tastatur. «Kurze, einfache Sätze sind typisch, die Plots sind meistens temporeich und schräg und drehen sich oft um Liebe und Leidenschaft», erklärt Oliver Bendel. Er selber hat «Handygirl» geschaffen, einen hübschen, schwarzhaarigen Avatar, das heisst eine virtuelle Kunstfigur. Handygirl lebt im Handy von Liza, sie führt eine eher trübe Dienstleisterinnen-Existenz. Als aber Liza in Gefahr gerät, steigt Handygirl aus dem Handy, um sie zu retten und zu trösten.

Die Tradition des Slams

In eine andere literarische Welt stösst Lara Stoll vor. Sie ist Teil dessen, was Mario Andreotti unter dem grossen Dach von Subkultur und Avantgarde vereint. Der Dadaismus, die konkrete Poesie, die Popliteratur, der Rap und die Slam Poetry gehören in diese Traditionslinie. Das Spannende daran: Diese Literatur wird wieder mündlich zelebriert, und sie findet ihren Höhepunkt im Wettkampf gegeneinander.

Mario Andreotti: Die Struktur der modernen Literatur, Haupt 2014.

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