«Es ging alles so schnell»

Es beginnt hoffnungsvoll. Dann hat die Dokumentarfilmerin Mirjam von Arx zwei Schicksalsschläge zu verkraften. Wie daraus der beeindruckende Film «Freifall – eine Liebesgeschichte» wird, erzählt die Regisseurin im Gespräch.
06. Dezember 2014, 02:38
Andreas Stock

Glück ist flüchtig und nur zum Preis eines gewissen Risikos zu haben. Die Filmemacherin Mirjam von Arx erzählt in «Freifall – eine Liebesgeschichte» davon und von einer sehr persönlichen Erfahrung. Die Geschichte beginnt hoch romantisch, mit der frischen, grossen Liebe zum deutschen Ingenieur Herbert Weissmann. Doch bald folgt die Nachricht, dass von Arx Brustkrebs hat. Drei Wochen später, im August 2010, die Regisseurin unterzieht sich einer Chemotherapie, folgt die nächste Hiobsbotschaft: Herbert, ein leidenschaftlicher Fallschirmspringer, verunglückt beim Basejumpen in Lauterbrunnen tödlich.

Mirjam von Arx, wann stand für Sie fest, dass Sie diese Geschichte filmisch aufarbeiten wollen?

Mirjam von Arx: Das ist nicht so einfach zu sagen. Denn zunächst ging es mir nur darum, die Geschichte für mich festzuhalten. Es ging alles so schnell, und mir stellten sich viele Fragen. Herbert war einfach weg, und ich wollte und konnte das nicht derart schnell loslassen. Ich wollte mich erinnern können und musste mich an dem festhalten, was noch da war.

Was führte dazu, dass aus dem privaten Vorhaben ein Film wurde?

von Arx: Rund einen Monat nach dem Tod von Herbert haben wir ein Memorial in Lauterbrunnen gemacht. Ich führte ein sehr emotionales, tiefes Gespräch mit Herberts bestem Freund Andreas Dachtler, der als sein Base-Coach bei den Sprüngen dabei war. Auch beim tödlichen Sprung. Es ging im Gespräch um grosse Themen: Eigenverantwortung, Schuld, darum, wieso jemand Basejump machen muss. Vom Standpunkt einer Filmemacherin aus sind das spannende Themen. Wäre diese Geschichte jemand anderem passiert und ich hätte davon gehört, wäre für mich klar gewesen: Das ist ein interessanter Filmstoff!

Sie wollten aber nicht bloss einen Film über Basejump drehen?

von Arx: Hätte ich eine Dokumentation über den Base-Sport gedreht, man hätte gemerkt, dass sich dahinter noch eine andere Geschichte verbirgt. Mir war irgendwann klar: Ich kann diesen Film nur drehen, wenn ich mich öffne und ehrlich bin.

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Die im Thurgau geborene und in St. Gallen aufgewachsene Mirjam von Arx hat sich mit Dokumentationen einen Namen gemacht, in denen sie als neutrale Beobachterin auf ihre Sujets blickt. Sie dreht den Architekturfilm «Building the Gherkin» (2005), produziert «Sieben Mulden und eine Leiche» von Thomas Haemmerli (2007) und dreht zuletzt «Virgin Tales», wofür sie den Zürcher Filmpreis erhält. In «Freifall» schildert sie auch ihre eigene Krankengeschichte, filmte sich bei der Chemotherapie und wie sie die Eltern von Herbert besucht.

Was waren die Überlegungen, wie Sie sich im Film einfügen wollten?

von Arx: Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so einen Film machen könnte. Das war ein grosser Schritt für mich. Ein Teil der Emotionalität der Geschichte hat mit meiner Rolle darin zu tun. Dramaturgisch ist das viel stärker, als wenn ich versucht hätte, das nur faktisch zu zeigen.

Sie hatten kaum Bilder dieser Liebe. Und sich für eine augenzwinkernde Alternative entschieden, indem Sie alte Hollywood-Liebesfilme verwendet haben.

von Arx: Es muss spürbar werden, wie intensiv die Liebe war. Wie erzählt man das ohne Bilder? Wir sind dann auf Hollywood-Szenen gekommen, die ja zum Teil sehr romantisch und kitschig sind, aber sie bringen ein «bigger than life»-Gefühl auf den Punkt. Mein Cutter und ich haben lange am Schnitt gearbeitet, weil es eine feine Grenze gibt, ab wann solche Bilder peinlich wirken können.

Trotz Tod und Brustkrebs ist es kein Film über den Tod, sondern über die Lust am Leben. Der US-Baser Chris McDougall sagt Ihnen, dass die Konfrontation mit dem Tod das Leben aufwerte.

von Arx: Etwas sehr Ähnliches hat meine Ärztin vor der Operation zu mir gesagt. Ich wollte keinen Film über den Tod machen. Meine Auseinandersetzung mit dem Base-Sport war sehr stark eine Suche danach, zurück ins Leben zu finden. Das soll auch der Film repräsentieren.

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«Freifall» zeigt atemberaubende Aufnahmen von den Basejumpern in Lauterbrunnen. Die Faszination für den Sport wird eindrücklich eingefangen. Gleichzeitig wird durch die Tragödie schonungslos deutlich, welche Risiken auch damit verbunden sind. Unterstrichen wird das mit einer unheimlichen Filmmusik, die an Alfred Hitchcocks «Vertigo» erinnert.

Auf diese Weise wollten Sie Ihre Ambivalenz gegenüber dem Sport verdeutlichen?

von Arx: Ja, das war die Absicht. Mir war wichtig zu zeigen, dass das keine Spinner sind, dass ihre Faszination über den Sport hinaus geht. Ich will das Basejumpen weder glorifizieren noch verteufeln. Ich wollte die Anspannung, Konzentration und Angst vor dem Sprung zeigen. Dennoch werde ich nie im Leben dort hinunter springen.

Es sind starke Bilder, wenn diese Leute an der Absprungstelle stehen.

von Arx: Für mich ist das ein sehr metaphorisches Bild. An der Klippe zu stehen und eine Entscheidung fällen zu müssen, die ein Risiko birgt. Visuell ist das natürlich eine attraktive Metapher. Ich sehe es als ein Sinnbild für die grossen Prüfungen des Lebens, denen wir doch alle irgendwann ausgesetzt sind.

Ihre Ambivalenz zum Basejump zeigt sich auch im Verhältnis zu Andreas Dachtler. Da Sie ihn weiter begleiten, merkt man, dass Sie ihn nicht verurteilen.

von Arx: Ich habe verschiedene Phasen durchlebt. Anfangs war da vor allem Wut, und zwar Wut auf alles, vor allem auf Herbert. Das hat sich danach auf Andi verlagert, als mir bewusst wurde, wie negativ dieser Sport betrachtet wird. Aber ich bin Andi sehr dankbar dafür, dass er mir nie ausgewichen ist, sich mir und meinen Fragen und seinen Schuldgefühlen gestellt hat. Er ist eben nicht nur mutig, wenn er sich von einer Felswand stürzt.

Sie zeigen, wie gross die Obsession von Andreas Dachtler für Basejump ist – welche Konsequenzen das für ihn als Ehemann hat. Seine Frau sagt, Andi sei gegenüber der Familie verantwortungslos.

von Arx: Ja, das ist ein grosses Dilemma. Ich verstehe seine Frau sehr gut, aber ich verstehe auch Andi. Das ist ein Zwiespalt, den ich immer noch in mir habe. Jetzt, wo ich selber Kinder habe, ist er noch grösser. Für Andi ist das Springen ein wichtiger Teil seiner Persönlichkeit. Andi springt auch immer noch. Dennoch ist er mittlerweile wieder mit seiner Frau zusammen. Die Antworten sind manchmal eben nicht so einfach. An Andi scheiden sich auch die Geister. Manche bewundern seine Konsequenz, andere akzeptieren seine Haltung überhaupt nicht. Das ist spannend, weil es Fragen sind, die über seine Person hinaus gehen, auf die das Publikum sich selber eine Antwort geben muss.

Jetzt im Kinok St. Gallen, weitere Kinos folgen. Regisseurin Mirjam von Arx und Andreas Dachtler sind am Di, 9.12., 20 Uhr, im Kinok.

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