Eine Mauer wird nicht ignoriert

PERFORMANCE ⋅ Das Künstlerduo Glaser/Kunz hat am Samstag in der Altstadt von Wil eine Mauer durch die Strasse wandern lassen. Das Experiment forderte zur Stellungnahme auf.
27. März 2017, 07:34
Dorothee Haarer
Es ist kalt und neblig in der Wiler Altstadt am Samstagmorgen. Die obere Bahnhofstrasse ist verwaist, die Läden noch dunkel. Doch etwas Leben regt sich in Gestalt von Männern in orangenen Sicherheitswesten. Sie sind dabei, eine Mauer zu errichten. Eine Mauer von rund zwei Metern Höhe und acht Metern Länge, die über den Tag hinweg vorne auf- und hinten abgebaut wird. Und so Stück für Stück die Strasse durchwandert.

Hinter der «Wandernden Mauer» stecken die in Zürich lebenden Kunstschaffenden Magdalena Kunz und Daniel Glaser. Das Künstlerduo spielt seit zehn Jahren mit der Idee eines Mauerbau-Projekts. Zu Beginn dachten sie über Mauern als Begrenzungen und Schutzwälle nach. Seitdem ist viel hinzugekommen. Nun geht es in Kooperation mit Gabrielle Obrist und Claudia Reeb von der Kunsthalle Wil an die Realisierung.

Es ist keine Kunstaktion per se

«Ist es Kunst, eine wandernde Mauer zu bauen?» argwöhnt man rasch. «So über die Sache nachzudenken, ist falsch», kontert Glaser. «Wir deklarieren unsere Mauer-Performance nicht per se als Kunstaktion. Wir wollen wissen, was es bei Passanten auslöst, wenn sie auf diese Art mit einer Mauer konfrontiert werden.» Darum gehen Glaser/Kunz mit Mikrofon und Kamera auf die vorbei eilenden Menschen zu und fangen deren Aussagen ein. Sie wollen wissen: «Haben Sie eine Ahnung, was hier los ist?» Können Sie sich vorstellen, was das soll?» und «Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das sehen?» In einer Welt, in welcher der US- Präsident eine Mauer errichten und türkische Staatsoberhäupter Grenzen öffnen wollen, erwartet man ein geschärftes Bewusstsein fürs Thema. Die wandernde Mauer ist so fast ein Nebenschauplatz. Zum Hauptschauplatz wird die Reaktion der Passanten.

Im Laufe des Tages füllt sich die Strasse mit Menschen. Manch einer bleibt in sicherer Entfernung stehen, äugt kritisch zu den Bauleuten und ihren Backsteinen herüber. Andere trauen sich näher. Eine Frau inspiziert die Mauer und meint: «Ja sind wir denn hier beim Trump!?» Dann zieht sie weiter. Andere Vorbeischlendernde meinen, Grenzen und Mauern seien wichtig heutzutage. Eine Passantin findet, sie würde an psychische Grenzen, die man im Kopf mit sich herumträgt, erinnert. Magdalena Kunz freut sich über solche Aussagen: «Oft ist es ja so, dass Menschen Fremdartiges lieber ignorieren, als dass sie sich ihm nähern. Gerade was Kunst betrifft, trauen viele sich nicht, sich mit ihr auseinanderzusetzen, wenn sie nicht passiert, wo man sie erwartet – in einer Galerie oder im Museum.»

So betrachtet kann man die Mauer-Performance geradezu als soziologisches Experiment verstehen. Ein Experiment, das Fragen aufwirft: Wie viel Absurdität verträgt der Mensch – angesichts einer Mauer ohne Funktion? Wie viel akzeptiert man wortlos, bevor man Position bezieht – etwa beim Anblick eines Störkörpers, der unbegründet im Stadtbild auftaucht? Und im Kontext unserer Tage: Wie geht man mit Abgrenzung um in einer Welt, die einerseits Handelsschranken aufheben will und andererseits neue Grenzzäune errichtet? Glaser/Kunz fordern zur Stellungnahme auf. In der Wiler Innenstadt lassen sich die Passanten darauf ein.

Die Mauer wird weiter wandern. Ein Ausschnitt der Performance wird als Videoarbeit in die Ausstellung «Mauer» (9. April bis 21. Mai) in der Kunsthalle Wil gezeigt. Im Juni wird die Mauer an verschiedenen Stellen in Zürich unterwegs sein und für die Zukunft ist die «Wandernde Mauer» auch in Wien geplant.


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