Lesbar Russland

Ein Russe im Abseits

10. November 2016, 02:40
Erika Achermann

F

Fjodor Dostojewski:

Aufzeichnungen aus dem Abseits. Dörlemann 2016,

254 S., Fr. 26.-

Man kennt das Buch als «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch». Felix Philipp Ingold hat ihn neu übersetzt und den Titel «Aufzeichnungen aus dem Abseits» gegeben. Dostojewskis Erzähler haust in einer schäbigen Mietwohnung am Stadtrand von Petersburg und keineswegs im Keller. Er hat mit der dissidenten und kriminellen Szene nichts zu schaffen. Aber er fühlt sich einsam, im Abseits der Gesellschaft, verliert sich in <unrichtigen> Formeln wie 2 × 2 = 5. Mit dem ersten Teil kann man sich der Theorien wegen etwas schwer tun, obwohl er mit klaren Sätzen beginnt: «Ich bin ein kranker Mann… Ich bin ein bösartiger Mensch.» Er sucht nach Gerechtigkeit, und schnell stellt man fest, dass in diesem «Abseits» alles angelegt ist, was Dostojewski in späteren Werken wieder aufnimmt: auch diese Aufzeichnungen sind bereits ein Meisterwerk.

Ismael Kadare:

«Albumtitel», Ismail Kadaré: Die Dämmerung der Steppengötter, S. Fischer 2016, 206 S., Fr. 28.-

Ein Albaner in Moskau

Der berühmteste Autor Albaniens erweist sich bereits im ersten Roman als Kritiker der politischen Verhältnisse. Der Ich-Erzähler studiert in den Fünfzigerjahren in Moskau, spielt Pingpong, verliebt sich, bemerkt schnell, dass er sich entfremdet, kehrt nach Moskau zurück. Es herrscht Tauwetter in Chruschtschows Sowjetunion, doch Albanien will sich aus der Umklammerung lösen. Der Ich-Erzähler, der als Ismail Kadaré zu erkennen ist, erlebt Korruption und Bespitzelung, die Stimmung ist beklemmend. Vielleicht, denkt man bei der Lektüre, ist es auch heute wieder so. Der Roman liest sich mit grosser Spannung, denn er erzählt davon, wie eine Diktatur Menschen zerstört, obwohl man sie leben lässt.


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