Ein Bijou steht zur Disposition

Zürich will Ende 2014 mit dem Strauhof ein vielbeachtetes, im deutschsprachigen Raum einzigartiges Literaturmuseum schliessen und an seinem Standort ein Schreiblabor für Jugendliche fördern. Dagegen regt sich heftiger Protest.
28. November 2013, 02:33
BETTINA KUGLER

«Fahrenheit 2014» titelte die «Süddeutsche Zeitung», «Zürich spart sich arm» die FAZ; der Verleger und Robert-Walser-Forscher Bernhard Echte bezeichnete es in der gestrigen Ausgabe der NZZ als «Schildbürgerstreich»: Mit solchen Buhrufen auch aus der internationalen Presse hatten Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch und ihr Kulturchef Peter Haerle offenbar nicht gerechnet, als sie Anfang November ihr Konzept für eine «ganzheitliche Neuausrichtung der Literaturstadt Zürich» publik machten. Die Pläne stossen auf erheblichen Widerstand, davon zeugen nicht nur etliche Leserbriefe und Kommentare in «Tages-Anzeiger» und NZZ, sondern auch eine Online-Petition, die binnen kurzer Zeit mehr als 3500 Unterzeichnende fand.

«Literaturstadt» oder Jekami

Kernpunkte des stadträtlichen Beschlusses sind zum einen die Schliessung des Museums Strauhof auf Ende 2014 und die Umnutzung des zentral gelegenen Hauses an der Augustinergasse durch ein zunächst auf zwei Jahre angelegtes Schreiblabor für Jugendliche unter dem Label «JULL – Junges Literaturlabor Strauhof». Zum anderen erwägt die Stadt eine Zusammenlegung des bislang im Strauhof domizilierten James-Joyce-Archivs mit zwei weiteren Literaturarchiven der ETH: dem Thomas-Mann-Archiv sowie dem Max-Frisch-Archiv. Dafür hat man das Museum Bärengasse ins Auge gefasst.

Tatsächlich benötige das Thomas-Mann-Archiv neue Räume, bestätigt Wolfram Neubauer, Direktor der ETH-Bibliothek, auf Anfrage. Entschieden sei freilich noch nichts. «Wir prüfen im Augenblick im Detail, ob das Museum Bärengasse ein Standort für die Archive sein könnte», sagt er. Entscheidende Aspekte seien die Eignung der Räume, die vorhandene technische Infrastruktur und die erwartbaren Kosten, zudem die Frage, welches inhaltliche Konzept sich an diesem Standort verwirklichen liesse. Mit der gleichzeitig bekanntgewordenen Schliessung des Strauhofs als Museum für vielbeachtete literarische Wechselausstellungen und der Förderung des Schreiblabors unter Federführung des Publizistenduos Gerda Wurzenberger und Richard Reich haben diese Sondierungen allerdings nichts zu tun. Stattdessen ist der Eindruck entstanden, das Präsidialdepartement habe mit dem vollmundigen Versprechen, das Museum Bärengasse zu einem «Literaturarchiv-Zentrum» zu machen, von der Museumsschliessung und der Entlassung sämtlicher Mitarbeiter ablenken wollen. «Literatur soll in Zukunft nicht mehr von Autoren, sondern in Jekami-Weise von Schülern geschrieben werden», hiess es dazu in einem Online-Kommentar von Charles Linsmayer.

Schliessung ohne Evaluation

Der Zeitpunkt für eine Neuausrichtung des Strauhofs erschien offenbar günstig: Ende 2014 wird Roman Hess, bisheriger Leiter des Museums Strauhof, pensioniert. «Bereits im Juli hat Kulturchef Peter Haerle angetönt, man werde sich Gedanken über die Zukunft des Hauses machen und das Konzept überprüfen», sagt Roman Hess, «eine angemessene Evaluation hat aber nicht stattgefunden.»

Internationale Ausstrahlung

Welches Bijou mit dem Museum Strauhof zur Disposition steht, scheint den Verantwortlichen nicht klar zu sein – eine Ignoranz, die für die «Süddeutsche» schlicht «ein Skandal» ist. Seit mehr als zehn Jahren hat der Strauhof sich auf Literaturausstellungen spezialisiert und in dieser Zeit nicht nur eine Fülle an Themen und Autoren sinnlich ansprechend aufbereitet, sondern auch eine stattliche Zahl regelmässiger Besucher aus dem Ausland angelockt. Workshops für Schulklassen regten zudem eine aktive Beschäftigung mit klassischen wie mit modernen Texten der Weltliteratur an. Mit Ausstellungen zu noch lebenden Autoren hat der Strauhof vor Jahren Neuland beschritten; tote Dichter hat er auf spannende Weise neu erschlossen.

Literaturausstellungen sollen künftig, wenn überhaupt, an wechselnden Schauplätzen stattfinden; die städtische Kulturförderung werde allerdings verantwortliche Institutionen wie die Zentralbibliothek oder das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien allenfalls «begleiten». Peter Haerle begründet die Entscheidung, im Strauhof ein Schreiblabor einzurichten, zunächst in einem zweijährigen Pilotbetrieb, mit einem veränderten Kulturbegriff: «Heute schreiben Jugendliche SMS, und sie haben eine andere Sprache. Darauf müssen wir im Literaturbetrieb eingehen und Rücksicht nehmen.» Für Verteidiger des Museums wie Bernhard Echte sind das leere «Plastic-Wörter». «Dahinter verstecken sich alte Ressentiments gegen die Kunst im Allgemeinen und die Literatur im Besonderen.»

«Beides müsste Platz haben»

Die Argumente gegen den Strauhof als Museum – schwer bespielbare, kleine und niedrige Räume in einem denkmalgeschützten Barockbau – findet der scheidende Strauhof-Leiter Roman Hess wenig überzeugend. «Wir haben aus der <Not> stets eine Tugend gemacht», sagt er, «und immer neu bewiesen, dass das eigentlich Unmögliche möglich ist: Literatur sinnlich und multimedial zu inszenieren.» Etliche Ausstellungen wurden von anderen Museen übernommen, beispielsweise den Literaturhäusern Berlin und Wien und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Mit dem Charme des Strauhofs als Schatzkammer für Büchernarren freilich können es diese Häuser nicht aufnehmen.

Auf Kritik stösst vor allem die Tatsache, dass grundverschiedene Einrichtungen, hier ein Museum mit originellen Ausstellungskonzepten, dort ein Schreiblabor mit sozialpädagogischem Mehrwert, gegeneinander ausgespielt werden. «In einer Stadt wie Zürich müsste beides Platz haben», findet etwa Schriftsteller Franz Hohler. Er selbst stand schon im Mittelpunkt einer Strauhof-Ausstellung; sie sei «mit grosser Sorgfalt gemacht» worden, erinnert er sich.

«Es gibt heute so viele Umnutzungen», sagt Hohler, «da sollte es nicht allzu schwierig sein, andere Räume für eine Schreibwerkstatt zu finden.»


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