Die zwei Leben der Monika S.

Monika Slamanigs Buch «Durstland» eröffnet die Reihe «Edition Literatur Ostschweiz», die in St. Gallen verlegt wird. Porträt einer Frau, die zwei Leben auf zwei Kontinenten führt und immer wieder wegfährt, um zu bleiben.
28. März 2015, 02:46
Valeria Heintges

Monika Slamanig lebt zwei Leben. Eines in der Schweiz, hier hat die 52-Jährige Freunde, die ihr viel bedeuten, hier kennt sie viele Menschen, die sie immer wieder auffangen, hier hat sie ein Netzwerk, das ihr das Arbeiten ermöglicht.

Deshalb wurde sie auch gefragt, ob sie in der neuen Edition Literatur Ostschweiz einen ihrer Texte veröffentlichen will. Natürlich wollte sie. Das Ergebnis ist «Durstland», das morgen in einer Buchvernissage vorgestellt wird. Am Ursprung stehen Tagebücher von Afrika. Vor allem Südafrika. Dort lebt Monika Slamanig ihr zweites Leben.

Sie fährt weg, um zu bleiben

Monika Slamanig reist, seit sie es darf. Das erste Mal bricht sie auf «am Tag nach der Abschlussfeier der Sek», erzählt sie. Es geht nach Wien und in den Ostblock, und es ist der Beginn von etwas Grossem. Schon damals reist Monika Slamanig nicht für zwei Wochen und nicht in ein Hotel oder mit dem Car. Sondern sie fährt weg, um zu bleiben. Sie studiert, macht Sprachdiplome, arbeitet in Entwicklungsprojekten. Sie ist in Spanien, Frankreich, in Ecuador, Italien, Irland. Aber seit 15 Jahren reist sie fast nur noch nach Südafrika.

An den Anfang erinnert sie sich noch genau. Sie fuhr mit einer Schweizer Freundin über einen Hügel hinab in die Halbwüste Karoo im südlichen Südafrika. «Als ich über die Kuppe kam, war das wie ein Traum, den ich schon oft geträumt hatte. Es war wie ein Sog.»

Südafrika am Arm

Die Landschaft mit ihren abgeschliffenen Vulkanhügeln, die Tafelberge, der Sandstein und vor allem die Farben von alledem lassen Monika Slamanig nicht mehr los. Dazu die faszinierende Kultur der San, der Buschmänner also, die die Karoowüste besiedelten und deren uralte Kultur vor dem Aussterben steht. Sie hat extra ein Buch zum Treffen mitgebracht, eins über die Kultur der San. Und über die Farben der Landschaft. Gelb, braun, blau, rot – alle in gedeckten Tönen. Bunt, aber nicht schreiend.

Monika Slamanig trägt diese Farben mit sich, in ihren Träumen, in ihrem Buch. Und in ihrer Kleidung: Das schwarze Shirt, die schwarzen Stulpen um die Handgelenke, die Blue Jeans signalisieren Zurückhaltung, ein Nicht-auffallen-Wollen. Und dann ist da dieses Tuch, das sie um den Hals geschwungen hat – ein blasses Blau, ein schwaches Rosa, ein kräftigeres Pink. Dieselben Farben im Schmuck, der unter den Stulpen hervorschaut: Einfache Perlen, aufgefädelt auf einer Schnur. In Blau, in Rosa, in Braun. Monika Slamanig trägt Afrika um den Hals und am Arm.

Und im Herzen. Gerne würde sie dort leben. Sechs Jahre hat sie in den letzten 15 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent verbracht, zweimal für ein Jahr, sonst für sechs Monate. Immer wieder. Sie hat Beziehungen aufgebaut, Freundschaften haben sich entwickelt, mit Weissen, mit Schwarzen, mit Coloureds, wie sie die Mischlinge nennen.

Aber das Leben am Kap ist anstrengend. Weil Südafrika in der Liste der gewalttätigen Länder weit oben rangiert. «Allein in einem Haus zu wohnen, auch noch als Frau, kann gefährlich sein», sagt Slamanig. Sie aber ist Einzelgängerin, braucht Freundinnen und Bekannte, aber auch immer wieder Ruhe. Sie könnte im «Compound» in der Stadt wohnen, den abgeschotteten, streng bewachten Wohnvierteln der Weissen. Aber das will sie nicht, dafür liebt sie die Kultur der Schwarzen zu sehr. «Die Apartheid spürt man immer noch. Immer noch gilt: Schwarz gleich arm, weiss gleich reich.»

Lebhaft erzählt sie von den elf Amtssprachen dort, vom Geisterglauben, der so lebendig ist. Das alles fasziniert und fesselt sie. Aber über allem schwebt die Gefahr: über der Wohnung einer Freundin, gesichert mit vier Schlössern und zwei Gates. Über den Frauen, die «mir beinahe beiläufig erzählen, dass gestern die Tochter vergewaltigt wurde» oder dass sie lebenswichtige Operationen nicht bezahlen können. «So etwas fährt mir unglaublich ein», sagt Slamanig.

Wie soll sie reagieren? Für die Freunde dort gilt sie als reich, aber das ist sie nicht, lebt in der Schweiz «von der Hand in den Mund», kann sich die Aufenthalte in Afrika nur leisten, weil ihre Arbeit überall funktioniert, wo sie den Computer anschliessen kann – «und das Dorf hat seit zehn Jahren Handy- und Internetempfang».

Spielzeugland der Heimat

In der Schweiz hat sich Monika Slamanig eine feste Kundschaft erarbeitet. Seit 20 Jahren schafft sie selbständig in ihrem Textbüro. Was mit Übersetzen begann, wurde zu einem Bearbeiten, Recherchieren, Ausbauen von Texten. Es reicht zum Leben. Und zum Reisen.

So wie ihre Protagonistin in «Durstland», die aus dem «Spielzeugland» der Heimat ausbricht und durch Afrika reist. Sie fährt Tausende Kilometer im Auto über den Kontinent, fasziniert, abgestossen, bewundernd, leidend. Die Ich-Erzählerin wird begleitet von einer Freundin mit völlig anderen Erwartungen und Bedürfnissen. Das führt zu Spannungen, die die Atmosphäre zunehmend vergiften.

In kurzen Absätzen, die durch die wenig leserfreundliche Gestaltung noch kürzer und abgehackter wirken, beschreibt Slamanig die Zerrissenheit der europäischen Frau in Afrika. Es ist ihre eigene Zerrissenheit, die quälende Frage, wie man die beiden Welten vereinen kann. Die Zerrissenheit geht hinein bis in die Sprache, wenn Sätze aus englischen und deutschen Worten gemischt sind. Das wirkt zuweilen manieriert, funktioniert aber in den Dialogen mit Einheimischen gut. Am Ende diskutieren die beiden Frauen auf dem Flughafen Zürich. An diesem Ort treffen sich die zwei Leben der Monika Slamanig.

Monika Slamanig: Durstland, Edition Literatur Ostschweiz, VGS & GDSL 2015, 170 S., Buchvernissage: So, 29.3., 14 Uhr, Festsaal im Stadthaus, St. Gallen

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