Die terrorisierte Gesellschaft

THEATER ⋅ Überall wird es gespielt - jetzt auch in St. Gallen: «Terror» von Ferdinand von Schirach trifft einen Nerv. Warum das so ist, erläutern der Philosoph Georg Kohler und der Regisseur Manuel Bürgin.

26. Januar 2017, 05:36
Rolf App

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@tagblatt.ch

Als am 11. September 2001 zwei entführte Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center rasen und ein drittes in Washington das Pentagon trifft, ersucht Vizepräsident Dick Cheney den Präsidenten, der US-Luftwaffe die Erlaubnis zum Abschuss von Verkehrsflugzeugen zu geben, die sich noch in der Hand von Entführern befinden sollten. «Ganz klar», sagt George W. Bush. Tatsächlich nimmt ein viertes Flugzeug Kurs aufs Kapitol, wird aber nach Kämpfen der Passagiere mit den Entführern vom Piloten zum Absturz gebracht.

Darf man Leben gegen Leben abwägen?

Ein in vielerlei Hinsicht vergleichbarer Fall bildet die Grundlage für Ferdinand von Schirachs Theaterstück «Terror», das vor wenigen Wochen Thema auf mehreren Fernsehsendern war, heute in St. Gallen in der Lokremise und demnächst in Winterthur und Konstanz Premiere hat. Der Pilot eines Abfanggeschwaders der deutschen Luftwaffe steht vor Gericht, weil er ein von einem islamistischen Terroristen entführtes Flugzeug abgeschossen hat. Dessen Ziel war ein voll besetztes Stadion, so dass sich dem Piloten die Frage stellte: Muss ich die 164 Menschen im Flugzeug töten, um die 70000 im Stadion zu retten? Eine gesetzliche Rechtfertigung existiert nicht, im Gegenteil: Das Bundesverfassungsgericht hat einen entsprechenden Paragraphen annulliert, weil Leben niemals gegen Leben abgewogen werden dürfe.

Ist der Pilot schuldig, oder ist er es nicht? Darum geht es im Stück, das eine Gerichtsverhandlung nachstellt – und am Ende das Publikum entscheiden lässt. Der Theaterverlag sammelt die Stimmen dieser besonderen Geschworenen, von denen bisher 60,3 Prozent für Freispruch plädiert haben. In der Schweiz stehen 2424 Freisprüchen 882 Schuldsprüche gegenüber, in Japan dagegen überwiegen die auf Schuld erkennenden Zuschauer (958 gegen 569 Stimmen).

Der Friedens- geht in den Kriegszustand über

Das Stück trifft einen Nerv, es trifft unsere Zeit: Das bestätigen sowohl Georg Kohler, emeritierter Professor für politische Philosophie an der Universität Zürich, als auch Manuel Bürgin, der es in St. Gallen inszeniert. Kohler unterscheidet zwei Ebenen, die individuelle des Piloten, der sich in ein unlösbares Dilemma gestürzt sieht, und die politische des herausgeforderten Staates. «Es gibt heute nicht mehr diese strikte Trennung zwischen Krieg und Frieden, die früher existierte», versucht Kohler, das Neue unserer Gegenwart zu fassen. Mit dem Terror hat sich der Krieg im Frieden eingenistet, und die Frage stellt sich, wie eine freiheitliche Gesellschaft reagiert. Georg Kohler rät dazu, cool zu bleiben. Denn: «Mit den Mitteln des Terrors kann man eine Gesellschaft nur verunsichern, sie aber nicht umstürzen.»

Was darf der Staat – und was darf er nicht?

Dennoch muss sich die zivilisierte Gesellschaft ihrer Verletzbarkeit bewusst sein. «Früher war es nicht schwer, ein Flugzeug in eine Bombe zu verwandeln», sagt Kohler. «Und heute ist es nicht schwer, einen Lastwagen in eine Menschenmenge zu steuern.» Natürlich könnte man den Terrorismus mit rigider Kontrolle bekämpfen. Nur, sagt Kohler, «um welchen Preis?». Das heisst: Der Staat muss sich wehren, darf aber nicht seine Prinzipien verraten.Der Staat dürfte tun, was der Pilot nicht darf: Menschen opfern. Das tut er beispielsweise im Krieg, wenn er Soldaten in die Schlacht schickt. Der Notfall, den der Pilot für sich reklamiert, ist freilich anderer Art – und deshalb strafbar. «Wie immer er sich entscheidet, er macht sich schuldig», sagt Georg Kohler. Vertretbar kann es aber dennoch sein, dass er sich über das Verbot des Verteidigungsministers hinwegsetzt und das Flugzeug abschiesst. «Wenn er sich seiner Sache sehr sicher ist und ein noch grösseres Unglück verhindern zu können glaubt, dann kann er in einem extremen Fall zum Handelnden werden. Er muss aber bereit sein, dafür Strafe auf sich zu nehmen.»

Der Zuschauer muss sich entscheiden

Auch Manuel Bürgin, der Regisseur, empfindet «Terror» als «einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Lage». Dass sich die Zuschauer am Ende entscheiden müssen, verleiht dem Thema eine grosse Ernsthaftigkeit und gehört für ihn ganz wesentlich dazu. Er selber hofft, dass diese Entscheidung immer wieder anders ausfällt – wie bei den drei Testvorstellungen, die bereits gegeben wurden: Das eine Mal hat das Publikum den Piloten knapp freigesprochen, beim zweiten Mal klar verurteilt und beim dritten deutlich freigesprochen.

«Es gibt kein Richtig oder Falsch im Handeln des Piloten», unterstreicht Manuel Bürgin. Und: «Er ist sehr allein.» Zwar weiss er, dass die Pilotenkollegen gleich denken wie er. Auf der anderen Seite aber sieht er sich einem Staat gegenüber, der seine Entscheidung ablehnt. Über den persönlichen Zugang aber wird man, wie Bürgin sagt, «im Lauf des Stücks immer mehr auf existenzielle Fragen zurückgeworfen». Was ist Menschenwürde, lautet eine dieser Fragen. Soll man im Extremfall dem Gewissen folgen – oder Gesetzen, die wir uns in einem demokratischen Verfahren selber gegeben haben?

St. Gallen, Winterthur, Konstanz

«Terror» hat heute um 20 Uhr in der Lokremise St. Gallen Premiere. Weitere Inszenierungen: Theater Winterthur (1. Februar), Theater Konstanz (6. Mai)


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