«Die Kamera ist mein Notizblock»

Jiajia Zhang zückt im Alltag gerne ihre Kompaktkamera. Die intuitiv geknipsten Bilder bringt die Künstlerin im Atelier in einen neuen Zusammenhang. Im Moment fasziniert die ausgebildete Architektin die Welt der Shopping Malls.
15. Juli 2013, 01:36
ROGER BERHALTER

Ihr Atelier widerlegt alle Klischees des kreativen Chaos. Wohlgeordnet liegen Jiajia Zhangs Fotografien am Boden, jedes Ding ist an seinem Platz, und was sie gerade nicht braucht, verschwindet in den Kartonschachteln unter dem Tisch. «Ich räume immer mal wieder auf», sagt die 32-Jährige. Gerade ist sie dabei, ihr Atelier an der Hechtackerstrasse komplett zu räumen. Bis Ende Monat muss sie es verlassen, da die alte Fabrik am Bahnhof Haggen einem Neubau weicht. Schade, findet die ausgebildete Architektin: «Nachher stehen die Räume lange leer.»

Häuser und Räume besetzen

Räume beschäftigen Jiajia Zhang nicht erst seit ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich. Auch als Künstlerin und Fotografin reagiert sie gerne auf Räume, die schon bestehen. Bevor sie vor gut drei Jahren ihre Wohnung in St. Gallen bezog – «in einem Hochhaus des Architekten Otto Glaus» –, richtete sie dort eine Ausstellung ein. Auch im ehemaligen (und leerstehenden) Hotel Ekkehard zettelte sie vor einem Jahr eine Filmnacht an. Derzeit liebäugelt sie mit einem leerstehenden Büro am Spisertor, das sie mit seinen Spiegeln und Glasfronten in seinen Bann zieht. Solche Ideen zu «Hausbesetzungen» und Guerilla-Kunstaktionen sind in der Stadt selten geworden. Jiajia Zhang kommentiert nüchtern: «Es braucht halt Eigeninitiative.»

Was Eigeninitiative heisst, hat Jiajia Zhang auch andernorts erlebt. Sie wurde in China geboren, verliess das Land mit sechs Jahren, kam dann in die Schweiz. Nach dem Studium wohnte sie zweieinhalb Jahre lang in New York, wo sie eine Fotografieausbildung absolvierte. Nach St. Gallen zog sie wegen der Kunstgiesserei im Sittertobel, wo sie seit drei Jahren als Assistentin von Felix Lehner arbeitet.

Das innere Archiv anzapfen

Immer wieder zückt Zhang im Alltag ihre analoge Kompaktkamera: «Sie ist mein Notizblock.» Sobald sie auf ihre Kunst zu sprechen kommt, fliesst es aus ihr heraus, und mit präzisen Worten und in druckreifen Sätzen beschreibt sie ihren künstlerischen Prozess: «Mit der Kompaktkamera kann ich intuitiv erfassen. Dabei ist es erstaunlich, wie das Auge immer wieder ähnlich funktioniert.» Es entstünden Wechselwirkungen zwischen dem, was sie sehe und fotografiere, und dem «inneren Archiv an Filmen, Zitaten und Gelesenem». Dieses Archiv zapft sie an und lässt in einem zweiten Schritt, im Atelier, den rationalen Prozess des Gruppierens folgen. Sie arrangiert ihre Fotografien am Boden und ergänzt sie mit weiterem Text- und Bildmaterial, «wie ein Gewebe, das sich ausbreitet».

Schaufenster ohne Ware

Im Moment fasziniert Jiajia Zhang die Welt der Shopping Malls. Ihre jüngsten Fotografien zeigen leere Schaufenster und Ausstellungsflächen. Die präsentierten Waren fehlen auf den Bildern, übrig bleiben Oberflächen und Strukturen, Spiegel und Lichter. Eine Kunstwelt, die Zhang an den österreichischen Architekten Victor Gruen denken liess, den Vater der modernen Einkaufszentren. Neben ihren Fotografien hat Zhang Entwürfe von Gruen ausgelegt, ebenso eine Zeichnung einer überdachten englischen Promenade und einen Textausschnitt aus dem Roman «Les choses» von Georges Perec, in dem es um den Materialismus der Konsumgesellschaft geht.

Aus dieser Bild- und Textcollage soll bald ein Raumgebilde entstehen, dafür will Jiajia Zhang ihren Werkbeitrag einsetzen. Ihr schwebt eine Struktur vor, welche ihre Bilder zeigt und gleichzeitig den Besuchern ein Raumerlebnis ermöglicht. Zhang würde ihre Idee am liebsten in einer Ladenpassage umsetzen «oder in einem zwischengenutzten Raum».

Zurück nach New York

Zunächst zieht es Jiajia Zhang aber wieder nach New York. Ende Monat zügelt sie von St. Gallen-Haggen nach Governors Island, einer Insel vor Manhattan, wo sie ein halbes Jahr in einem Gemeinschaftsatelier verbringt. Sie freut sich darauf, dort «Sachen gemeinsam anzureissen». Auch wenn sie in Übersee die Vernissage ihrer jüngsten Ausstellung verpassen wird. Ab dem 31. August stellt Zhang zusammen mit Anastasia Katsidis im Kornhaus Rorschach aus. Auch dort will sie auf den bestehenden Raum reagieren. Auf das Museum in Rorschach übertragen, heisst das: Statt See- werden die Besucher der Ausstellung Meersicht haben.


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