Die Geister der Vergangenheit

ARBON ⋅ Der Genfer Christian Gonzenbach ist in der Kunsthalle Arbon mit «Making Things» zu Gast. Aus einer Tonne Aluminium hat er eine raumgreifende Installation geschaffen. Sie erinnert an eine Werkstatt, nur sind deren Werkzeuge unbrauchbar.
14. Juni 2016, 06:06
CHRISTINA GENOVA

ARBON. Es sieht so aus, als ob die Arbeiter nur kurz Pause machten. Besen, Schaufel und Rechen sind an die Wand der Halle gelehnt. Doch niemand wird kommen, um weiter zu wischen, zu schaufeln oder zu rechen. Die Zeiten, als die Firma Schädler hier Blechpressteile herstellte, sind längst vorbei. Seit über zwanzig Jahren ist in der Kunsthalle Arbon die zeitgenössische Kunst zu Gast.

Platzhalter der Originale

Bei genauer Betrachtung sind die silbern schimmernden Gerätschaften, die wie beiläufig in der Halle herumstehen oder auf dem Boden ausgelegt sind, auch denkbar schlecht geeignet, um damit zu arbeiten. Denn sie stellen nur einen Abklatsch richtiger Werkzeuge dar, es sind flache Platzhalter der Originale. Der Genfer Christian Gonzenbach hat sie aus Aluminium gegossen. Es ist die erste Einzelausstellung des 41jährigen Künstlers in der Ostschweiz, bisher hat er vor allem in der Westschweiz und in Frankreich ausgestellt. Er hat eine Kulisse geschaffen, die die Vergangenheit der Halle aufleben lässt, als hier noch so nützliche Dinge wie Schubkarren produziert wurden und Arbon ein stolzer Industriestandort war. Dies verleiht der ganzen Szenerie etwas Unwirkliches, ja Geisterhaftes.

Ausgefranste Objekte

«Making Things» heisst die Ausstellung, und tatsächlich hat Christian Gonzenbach Dinge hergestellt, nur sind sie völlig nutzlos. Und wenn wir sie als Werkzeuge bezeichnen, ist dies nur Ausdruck unserer Hilflosigkeit. Denn wie soll man etwas benennen, das zwar etwa so wie ein Schraubenzieher aussieht, aber nicht zum Schraubenanziehen taugt? Der Künstler unternimmt keinerlei Versuch, den Betrachtern etwas vorzumachen. Er sucht nicht die Perfektion: Alle Gegenstände weisen Stellen auf, wo sich das flüssige Aluminium seinen eigenen Weg gesucht hat, wo das Objekt ausfranst, seine klaren Konturen verliert.

Eine Tonne Aluminium

Rund eine Tonne Aluminium hat sich Christian Gonzenbach in Barrenform in die Kunsthalle liefern lassen. Er hat es mit einem Schmelzofen auf 660 Grad erhitzt, um damit mit Hilfe von Marmorsand seine gesamte Werkzeugkiste abzugiessen – von diversen Zangen über Hammer, Pinsel und ein Metermass ist alles da. Der Künstler, zu dessen Vorgehensweise es gehört, seine Werke selbst herzustellen und keine Arbeiten zu delegieren, goss auch einiges ab, was er in der Kunsthalle so finden konnte: Kleiderbügel, Hocker, Espressomaschine, Handschuhe oder eine Schirmmütze. Entstanden ist eine raumgreifende Installation von betörender Poesie.

Zeichnungen im Raum

Im Widerspruch zu ihrer metallenen Materialität wirken manche Objekte filigran, ja prekär: Das Bein eines Stützbocks endet mitten in der Luft, ein Regal trotzt tapfer den Gesetzen der Schwerkraft. Es sind vielmehr Zeichnungen im Raum als Skulpturen. Das gilt auch für die Leiter oder die Fahrräder. Letztere erinnern an die Piktogramme auf Verkehrsschildern. Keines der Objekte ist an den Wänden befestigt. Dadurch wandert der Blick auf den Boden, der mit seinen Unebenheiten, den Flickstellen im Teer und den verblassenden Bodenmarkierungen von den früheren Nutzungen der Kunsthalle erzählt.

Christian Gonzenbach wirft mit seiner Auslegeordnung in der Kunsthalle jedoch nicht nur einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit, sondern er regt auch zu Fragen darüber an, wie «nütz» oder «unnütz» die Produkte der Arbeit eines Künstlers sind. Christian Gonzenbachs Installation verneigt sich einerseits vor dem Handwerk, das einst die Kunsthalle mit Leben erfüllte. Andererseits ist es auch die selbstbewusste Setzung eines Künstlers. Zu dessen Privilegien gehört es, Werke zu erschaffen, die über keinen Gebrauchswert verfügen müssen und sich dem wirtschaftlichen Denken entziehen.

Fr 17–19, Sa/So 13–17 Uhr; bis 10.7.; Sa, 18.6., 16 Uhr: Führung www.kunsthallearbon.ch

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