Die Argo im Watt

24. Oktober 2011, 01:08

LESBAR GEOGRAPHIE

1994 gräbt der Ethnologe Hans Peter Duerr mit seinen Studenten im nordfriesischen Watt nach Spuren der im 14. Jahrhundert untergegangenen Insel Rungholt. Dabei stösst er auf Keramikscherben und Harzbrocken, die man sonst nur aus dem Mittelmeerraum kennt. Analysen zeigen, was einer Sensation gleichkommt: Die Keramik wurde um 1300 v. Chr. in Kreta gebrannt. Doch wie kam sie nach Nordfriesland? Duerr hat den aufsehenerregenden Funden bereits vor zwei Jahren den Forschungsbericht «Rungholt» gewidmet. Jetzt greift er die Frage in einem weiteren Tausend-Seiten-Wälzer auf. Sein Titel: «Die Fahrt der Argonauten». Für Duerr ist klar, dass die Stücke auf minoischen Schiffen an die Nordseeküste gelangt sind. Und vermutet, dass diese Fahrt wiederum ihren Niederschlag im Mythenkomplex um das Schiff «Argo» und das Goldene Vlies gefunden hat. Das Feld beackert Duerr, der Autor des fünfbändigen «Mythos vom Zivilisationsprozess», wie üblich detailreich. So bringt er Belege für Atlantikfahrten lang vor Kolumbus, gleicht Mythen und Fakten ab, bezieht neben der Argonautensage auch die Odyssee mit ein – ein gewaltiges Geschichtspanorama, das zumindest plausibel macht, dass die Fahrt der Argo real stattgefunden haben könnte.

Hans Peter Duerr: Die Fahrt der Argonauten, Suhrkamp-Verlag Berlin 2011, Fr. 46.90

Der Globus im Kopf

Die Welt ist erforscht, Geographen und Historiker haben ihr Werk getan? Denkste, sagt sich die in Olten lebende Autorin Ursula Timea Rossel. Sie betreibt die Wissenschaft der Kryptogeographie und legt jetzt mit dem Buch «Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz» einen programmatischen Erstling vor. Anhand der Figur des Kartographen Wigand Behaim sucht sie Atlantis, erzählt «von der Globuskrankheit, Schrebergärten, Expeditionen und Schneckenversuchen», unternimmt Zeitreisen von der heiligen Ursula von Köln bis in eine ferne Zukunft und vertraut dabei als Maskottchen auf die Katze, die der Physiker Schrödinger als Exempel für die Krümmungen von Zeit und Raum beschrieben hat. Kurzum: ein «Quantenroman», wie der Verlag es nennt, für Freunde phantastischer Kopfreisen.

Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz, Bilgerverlag Zürich 2011, Fr. 36.–

Peter Surber


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