Der sanfte Totalverweigerer

Die Kellerbühne St. Gallen bringt in einer Eigenproduktion Herman Melvilles grandiose Erzählung «Bartleby der Schreiber» auf die Bühne: Ein kafkaeskes Meisterwerk aus dem Jahr 1853.
27. Oktober 2016, 18:55
Hansruedi Kugler

Wenn Franz Kafka und Robert Walser zusammen eine Geschichte geschrieben hätten, wäre wohl so etwas wie «Bartleby der Schreiber» herausgekommen: Eine genial knappe Groteske über einen kleinen Büro-Angestellten, der zuerst bleich und mechanisch Tag und Nacht Dokumente von Hand kopiert, dann aber mit entwaffnender Sanftmut alle Aufforderungen zur Zusammenarbeit verweigert. Seinen gutmütigen Chef stösst er damit vor den Kopf, gibt keinerlei Erklärungen über sich ab und verhungert am Ende gar aus lauter Verweigerung im Gefängnis, eine gänzlich irritierende Figur.

Gegenwartsbezug wird sofort sichtbar

Zu sehen ist Bartleby als Figur allerdings auf der Kellerbühne nicht – nur zu hören. Denn Schauspieler Matthias Peter übernimmt die Erzählperspektive des Textes. Bartlebys Chef berichtet darin über diesen merkwürdigen Angestellten. «Wir holen die Geschichte mit der Lichtführung aus der Vergangenheit in die Gegenwart», sagt Regisseur Daniel Pfister. Matthias Peter tritt als Chef auf und erzählt in freier Rede – wie angestachelt in einem Freundeskreis. Das Gegenwärtige wird beim Probenbesuch schnell sichtbar. Zwar tritt Matthias Peter im 19. Jahrhundert-Outfit auf. Aber so fremd ist uns diese Figur nicht: Konflikten geht er lieber aus dem Weg, schiebt lästige Entscheidungen vor sich hin, bis sie ihm über den Kopf wachsen. Eigentlich müsste er Bartleby entlassen, denn der steht – versteckt hinter einem Paravent – nur noch untätig im Büro herum, hat dieses zu seiner freudlosen Wohnung gemacht.

Ein erschöpftes Rädchen in der Welt

Der Anwalt, der selbst lieber in Ruhe gelassen wird, sieht bei Bartleby aber wie in einen Spiegel. Er wird zornig, bekommt Mitleid, wird selbstgefällig tolerant. Er rudert im Wechselbad seiner Hilflosigkeit und infiziert sich gar sprachlich: Auch er benutzt nun bei jeder Gelegenheit die höflich-resignierte Floskel «möchte lieber».

Bartleby ist oft interpretiert worden – mal als Kritik am Finanzkapitalismus (Bartleby resigniert an der Wall Street), mal als Abgesang auf das Christentum (hilflose Barmherzigkeit), neuerdings sogar auch als literarische Referenz stummen Protestes (zum Beispiel von Nichtwählern). Vielleicht steht er als Chiffre einfach für den entfremdeten Menschen der Moderne – ohne Wurzeln, ohne Ziel: ein erschöpftes Rädchen im Getriebe der Welt. Eine Figur wie Jahrzehnte später Kafkas oder noch später Becketts rätselhafte Antihelden. Sein ständig wiederholter, fast einziger Satz in dieser Erzählung «Ich möchte lieber nicht», mehr gehaucht als gesprochen, ist in die Literaturgeschichte eingegangen. Da ist kein Vorwurf, keine Frechheit zu spüren – vielleicht aber eine Depression. Dass der Autor des monumentalen Romans «Moby Dick» eine solch lebensmüde Figur wie Bartleby geschaffen hat, zeigt, wie wegweisend Herman Melville schon Mitte des 19. Jahrhunderts für die literarische Moderne war.

Zwei Lesungen schreiben Bartleby weiter

Matthias Peter ergänzt den theatralen Bartleby an Matineen und Abenden mit musikalischen Lesungen, die Melvilles lebensmüden Bartleby weiter schreiben: Mit einem ironischen Text über einen Milliardär und mit einer Persiflage auf den Kunstmarkt.

Premiere Mi, 2.12., 20 Uhr www.kellerbühne.ch

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