Der Mensch will hoch hinaus

Am vergangenen Samstag gastierte in der Lokremise die interdisziplinäre Show «Mein Herz ist ein Dealer». Inszeniert hat das Stück der in Berlin lebende St. Galler Regisseur Jonas Knecht.
27. Mai 2014, 02:40
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

Da wollte einer hoch hinaus. Zuoberst auf den Berg und möglichst noch weiter. Seine Geburtstagsparty hat er geschmissen und ist rauf, soweit wies ging. Dort kann er nun endlich sich selber sein. Die Hauptperson im eigenen (Lebens-)solo. Niemand wird ihm vor der Nase herum fuchteln, niemand wird ihm seine Show stehlen. Die Projektion zeigt eine dieser klassischen Hochgebirgslandschaften. Betonklötze bilden den Piek; um ihn herum die Andeutung hochalpiner Landschaft mittels Grasbüscheln. Mobile Abschrankungen gegen das grosse Fallen werden später im Stück auch für Turnübungen benützt. Axel Röhrle legt sich ins Zeug in seiner selbst-analytischen Diagnose über das Sein: «Wozu leben, wenn niemand zusieht?», lautet die unbescheidene Selbstbefragung, auf die das Geschehen des Abends keine schlüssige Antwort gibt.

Das Spiel im Spiel

Auftritt einer weiblichen Person in flachsfarbener Lockenpracht als wärs der rettende Engel. Die Plattform, die sie nun für sich behauptet, ist allerdings schon vergeben – der Selbstdarsteller als Mann ist zugegen und findet: «Sie sind eine Anmassung». Doch die Frau hat anderes im Sinn. Sie kam, um mit dem Mann eine Liebesgeschichte zu improvisieren. «Es ist mein Stück!», wehrt sich dieser, doch die Frau, die hier gleichzeitig die Dramatikerin von «Mein Herz ist ein Dealer» ist, erklärt ihm, sie habe das Stück so angelegt, dass nun die Liebesgeschichte komme.

Die Performerin und Autorin Beatrice Fleischlin als weiblicher Teil des vermeintlichen Liebespaars hat den Stoff wie eine Matrix angelegt. Die zwei Personen fallen aus ihrem Text heraus und wieder in ihn hinein. Sie sind die Spielenden im Spiel auf der Bühne und die Sprechenden des Textes, der wie durch eine unsichtbare Wand hindurch immer auch ins Leben greift.

In diesem Leben gelten die Regeln von Platzhirschen, und die Sprache ist die von «Selbst» in allen Floskel-Facetten. Selbst-Täuschung, Selbst-Überschätzung, Selbst-Verdruss, Selbst-Darstellung – der Humus, auf dem Einsamkeit und Verlorenheit üppig Nahrung findet. Deshalb üben diese beiden die Zweierkiste, die wie im richtigen Leben zum Kampfsport wird.

Der Mensch, das komplexe Tier

Jonas Knecht, der selber für einige Passagen auftritt, die er wie ein nüchterner Dozent vorträgt und damit eine weitere Ebene der existenziellen Mensch-Befragung dazwischen schiebt, setzt in seiner Regie auf Körperlichkeit und wilde Sturm- und Drang-Effekte. In der Bühne von Markus Karner lässt er die beiden Schauspieler «dealen», dass die zuweilen sehr laute Sprache und die zahllosen Fäkalausdrücke etwas gedämpft werden. Es gibt starke Szenen in dieser tobenden Liebes-Rauferei, und man kommt nicht umhin, zu bangen, es könnte Beulen geben. Jede Annäherung wird zum Anspringen; der Versuch eines verständigenden Dialogs mündet in den Satz: «Du hast kein Gefühl für meine Komplexität.» Erst gegen Ende des knapp eineinhalbstündigen-Abends fällt die blonde Perückenpracht. Eine Ahnung wirklicher Öffnung stellt sich ein, doch diese versickert in den Klängen der Musiker.

Die wunderbare Kontrabassistin Anna Trauffer und der nicht minder virtuose Gitarrist Andi Peter bereichern das Stück mit einem Neben- und Nachspiel, auf das man gerne Aug und Ohren richtet. Singend und musizierend spielen auch sie ein Spiel im Spiel, hantieren an ihren Geräten, «stören» den Ablauf, liegen dann wieder verträumt und auf ihren Instrumenten klimpernd am Bühnenrand. Es menschelt ganz schön in diesem als Langzeitprojekt angelegten «Mensch! – Showbusiness».

Vorstellungen: 28. und 29. 5. Lokremise, 20 Uhr; Res: www.theater-konstellationen.ch/tickets

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