Dem Restlicht ausgesetzt

Andri Stadler schafft Fotografien aus dem Dunkel und definiert das Thema Licht auf neue, geheimnisvolle Weise. In der Ausstellung «Shimmer» im Shed im Eisenwerk sind Arbeiten aus zwei Werkserien und zwei Videos zu sehen.
15. September 2015, 02:36
MARTIN PREISSER

FRAUENFELD. Für die Werkserie «Surface» hat sich der aus Aadorf stammende und heute in Luzern lebende Künstler nach Schottland begeben. Andri Stadler fotografierte dort nachts. Tiefstes, glänzendes Schwarz strahlt von den gross- und hochformatigen C-Prints ab. Und immer wieder kommen und gehen aus diesem Schwarz unscharfe Bilder, unklare Umrisse und hauchfeine Farbnebel. Fast so, als solle der Betrachter dazu angehalten werden, still und in Ruhe auf die leisesten Bildeffekte, die sich aus dem Schwarz herausschälen, zu warten. Auf Fotografien, die sich quasi während des Betrachtens erst entwickeln.

Nachts fotografieren, ohne Stativ, da setzt sich der Fotograf sozusagen ganz bewusst dem Restlicht aus. «Das Erstaunen, dass überhaupt etwas da ist, ist nachts grösser», sagt Andri Stadler, der für seine Shed-Ausstellung einen Monat auf dem Zeltplatz im nahen Gütighausen verbracht hat. «Nachts nimmt man Licht eigenständiger war, es wird auf rätselhafte Weise präsenter», sagt der Künstler, dessen letzten Werkserien das neueste, das 16. Facettenheft der Kulturstiftung des Kantons Thurgau gewidmet ist (siehe Kasten).

Spiegel und Fenster

Die Serie «Surface» arbeitet nicht nur mit feinstem Hauch von Licht, das sich aus dem tiefen Schwarz löst, sondern die Bilder wirken durch die spezielle Druckart auch wie Spiegel. In ihnen entdeckt man sich selbst oder man macht Effekte des Ausstellungsraums aus. Auch muss man immer wieder switchen zwischen Spiegeleindrücken und den reinen Farbreizen der Bildfläche. Unmerklich werden die «Surface»-Arbeiten so auch zu einer Art Fenster in die geheimnisvolle Welt des nächtlichen Restlichts, aber auch in die eigene aktuelle Umgebung. Andri Stadlers Arbeiten wirken ruhig, entspannt, präzis, spontan und eben doch konzentriert. Und sie zeigen sich als Ergebnisse unaufgeregten Wartens auf das, was Licht gerade noch kann.

Unaufgeregte Stille

Fotografieren am Tag, bei vollem Licht, das lädt die Objekte manchmal vielleicht mit viel zu viel Bedeutung auf. Nachts zu fotografieren heisst Reduktion, heisst Beobachten, was noch und was nicht mehr da ist. Aber auch wenn Andri Stadler mit den Bildern der Serie «Shade» ins eigene Studio zurückkehrt, ist etwas von dieser unaufgeregten Stille spürbar, die der Fotograf dem Licht abgewinnen will, einem Licht, das plötzlich angenehm unaufdringlich scheint.

In den kleinformatigen «Shade»-Arbeiten nimmt Stadler das Objektiv ab, leuchtet das Atelier mit zwei kleinen Lichtquellen aus und arbeitet mit den Händen vor dem offenen Loch der Kamera. Die Effekte, die der Sensor hierbei aufzeichnet, sind eben nicht effekthascherisch, sondern Lichtwirkungen voller Poesie und Überraschung, ein eindringlich unaufdringliches Arbeiten an den Grenzen des Sichtbaren.

Unbeschriebene Blätter

Andri Stadlers Kunst wirkt genau so, als wolle der Künstler seine Arbeiten nicht mit sofort Nachvollziehbarem überfrachten, nicht sofort eine allzu eindeutige Spur legen. Das zeigt sich auch deutlich in den beiden Videos, die auf dem Zeltplatz in Gütighausen entstanden sind. Da hält der Künstler auf dem ersten Video auf ein im Gras liegendes leeres Notizbuch. Man schaut eine Weile auf diese «unbeschriebenen Blätter», die der Wind hin- und herblättert. Und plötzlich – auch hier muss man sich quasi wartend auf die Bildidee einlassen – sieht man die vielen faszinierenden Schattenspiele, die das Licht auf den Notizbuchseiten malt.

Bedeutung stellt sich also auf stille Art und Weise wieder von selbst ein, erzeugt gerade durch das «Nichteingreifen» des Künstlers, der sich auch hier wieder dem Licht ruhig und unaufgeregt aussetzen und in der Reduktion die grössten Bildwirkungen erreichen kann.

Bis 2.10.; Mi/Fr 18–21, Sa 16–19 Uhr; Finissage: Fr, 2.10., 18 Uhr (szenische Lesung mit Peter Stobbe ab 19 Uhr)

Leserkommentare

Anzeige: