FRAME-Filmtipp

Das andere Amerika

FRAME-FILMTIPP ⋅ Andrea Arnold erzählt in ihrem Roadmovie von einer jungen Rebellin, die durch den Mittleren Westen tingelt.

13. Oktober 2016, 14:42
Christian Jungen
Als der französische Filmtheoretiker André Bazin 1945 in seinem wohl berühmtesten Essay, «Ontologie des fotografischen Bildes», den filmischen Realismus definierte, unterschied er zwischen Regisseuren, welche die Realität abbilden, und solchen, die sie mit ihren Werken durchdringen.

Zu ersteren zählte er Griffith und Eisenstein, zu letzteren Rossellini und De Sica. Die italienischen Neorealisten mochte er besonders: «Sie fügen der Wirklichkeit nichts hinzu, verzerren sie auch nicht, bemühen sich im Gegenteil, Tiefenstrukturen freizulegen.» Heute heftet die Kritik das positiv konnotierte Etikett Sozialrealist so ziemlich jedem Cineasten an, dessen Dramen in der Arbeiterklasse spielen – sogar Ken Loach, obwohl der kommunistische Klassenkämpfer in seinen Drehbuch-Filmen die Realität auf einen Krieg zwischen Gut und Böse vereinfacht. Viel eher träfe das Attribut auf Apichatpong Weerasethakul («Mekong Hotel»), Brillante Mendoza («Ma’ Rosa») oder auf die Regisseure der neuen rumänischen Welle zu. Und neuerdings auf Andrea Arnold! Die 1961 Geborene hat sich mit den Sozialdramen im Ken-Loach-Stil wie «Red Road» (2006) und «Fish Tank» (2009) einen Namen geschaffen und erklimmt nun mit ihrem vierten Spielfilm «American Honey» eine höhere cineastische Stufe.

In ihrem ersten amerikanischen Film erzählt die Britin von der jungen Star (Sasha Lane), die auf dem Parkplatz vor einem Einkaufszentrum in Oklahoma mit zwei Kindern nach Essensresten sucht. Dann kreuzt mit lautem Karacho eine Gruppe von Jugendlichen auf, unter ihnen der vorlaute Jake (Shia LaBeouf). Er macht Star an und lädt sie ein, mit ihnen mitzuziehen. Star gibt die Kinder – sie stellen sich als ihre Geschwister heraus – bei ihrer White Trash-Mutter ab und schliesst sich der Truppe an, die tagsüber von Tür zu Tür zieht, um Abonnemente für Zeitschriften zu verkaufen, und abends wilde Partys feiert. Auf ihrer ersten Verkaufstour wird Star von Jake ins Metier eingeführt. Er zieht unter der Haustüre der Leute eine Show ab, gibt sich bald als Vertreter einer Freikirche, bald als Student aus, der Geld für den Bau einer Cafeteria sammelt. Zuweilen lässt er etwas mitlaufen, etwa einen Ring. Star ist fasziniert und angewidert zugleich vom Freibeuter. Sie verliebt sich in Jake und handelt sich damit den Groll der oft zugedröhnten Gruppenleiterin ein (Riley Keough), in deren Zimmer Jake jeweils übernachtet.

Zum Film wurde Arnold von ihren eigenen Erfahrungen als Autostopperin in den USA sowie von einem Artikel in der «New York Times» inspiriert, der das gleichsam wilde und triste Sex-, Drugs-&-Rock’n’Roll-Partyleben von Jugendlichen beschrieb, die zu Hause ausbüxten, um sich auf der Suche nach Freiheit als Magazinverkäufer zu verdingen. Entstanden ist ein Roadmovie über eine junge Frau, die Grenzen auslotet. Auch sexuelle. Wenn Star unerschrocken Männern folgt, die bestimmt nicht nur an ihren Zeitschriften interessiert sind, befürchtet man stets, sie werde vergewaltigt oder gleite in die Prostitution ab.

Andrea Arnold setzt in ihrem Roadmovie meisterhaft auf das Stilmittel des Abschweifens. Jenseits jeglicher Erzählökonomie schildert sie Begegnungen, die weder zur Figurenzeichnung noch zu einem klassischen Plot beitragen, etwa wenn Star in ein Haus tritt, wo zwei vernachlässigte Kinder vor dem viel zu lauten Fernseher spielen, während ihre drogenabhängige Mutter auf dem Sofa liegt, neben sich eine Spritze. Wie Mosaiksteinchen tragen solche Episoden zu einem Sittenbild des amerikanischen Mid-West bei. Der Film dauert zwar 163 Minuten, ist aber keinen Moment langweilig.

Die mit Handkamera aufgenommenen Bilder wirken reportagehaft, zuweilen sind auch Passanten zu sehen, die in die Kamera gaffen. Wäre da nicht das Gesicht des aus «Transformers» bekannten Shia LaBeouf (der völlig in seiner Figur aufgeht), wähnte man sich in einem Dokumentarfilm. Nicht von ungefähr: Die meisten Darsteller sind Laien, die Arnold auf der Strasse entdeckt hat und die sich selber spielen. Zudem hat die Regisseurin auf künstliches Licht sowie auf aufwendiges Equipment wie einen Dolly für Kamerafahrten verzichtet, um grösstmögliche Authentizität zu erreichen.

Den Eindruck von Sozialporno entschärft sie mit ästhetisierenden, im Gegenlicht gefilmten Landschaftsbildern und Aufnahmen von Tieren – einmal schaut sogar ein wilder Bär Star in die Augen. Es scheint, als wollte die Regie das Stromern der Aussenseiter adeln, indem sie ihnen poetische Momente zugesteht. Allein: Poesie kann man nicht fabrizieren, sie stellt sich in raren Momenten ein. Hier wirkt der Versuch, mit cineastischen Mitteln nachzuhelfen, öfter kunstgewerblerisch.

Und doch ist «American Honey» ein Spielfilm, der einen starken Sog entfaltet, weil er eben nie die Realität abbildet, sondern sie im bazinschen Sinn durchdringt. Dafür erhielt Arnold am Festival von Cannes bereits zum dritten Mal den Jury-Preis. Fern von der Didaktik eines Ken Loach und dem Akademismus der Brüder Dardenne fängt sie das Lebensgefühl einer Generation von rebels without a cause ein, deren charismatische Hauptfigur einmal mit dem Fahrtwind in den Haaren schreit: «I feel like I am fucking America.»

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