Basteln im Kopf

Im Konzert «Klingende Bilder» hebt das Orchester Musikfreunde St. Gallen übermorgen das Opus 1 des zwanzigjährigen Engelburgers Jonathan C. Meier aus der Taufe. Es dirigiert Robert Jud, ehemaliger Musiklehrer des jungen Komponisten.
18. Dezember 2012, 01:36
MARTIN PREISSER

Jonathan C. Meier sieht es ganz pragmatisch: «Wenn ein Motiv, eine musikalische Idee gut ist, dann bleibt sie mir im Kopf. Wenn ich sie vergesse, dann war sie eben nicht gut.» Am ehesten kommen dem zwanzigjährigen Engelburger musikalische Einfälle, wenn er allein, ungestört und in Ruhe ist. «Dann höre ich innerlich viel Musik, oft auch schon in einem klaren Orchesterklang.» Den Klang könne er bereits rein gedanklich in die gewünschte Richtung ändern. «Das ist wie Basteln im Kopf.»

Cool bleiben

Letztes Jahr hat Jonathan C. Meier als Maturaarbeit an der Kanti Burggraben bei seinem Lehrer Robert Jud ein Orchesterwerk vorgelegt. «Fünf Tageszeiten» heisst es, und einen Sechser hat er dafür bekommen. Dass Robert Jud, inzwischen pensionierter Musiklehrer, das Werk seines ehemaligen Schülers jetzt mit dem Orchester Musikfreunde St. Gallen in der ehrwürdigen Tonhalle aufführt, hätte sich der junge Tonsetzer natürlich kaum träumen lassen. Höhenflüge macht er deswegen keine. «Ich bleibe cool und warte einfach mal ab, wie das Stück beim Publikum ankommt.»

Kunstwerk Natur

«Ich wünsche mir, dass diese Arbeit mehr als eine Maturaarbeit ist», schreibt der Komponist im Vorwort zu seiner Partitur. Angeregt wurde Jonathan C. Meier zu seinen Stimmungsbildern über die fünf Tageszeiten durch einen Aufenthalt in Sils, wo er zu fünf verschiedenen Stunden die Landschaft um den Silser See erst einmal fotografisch festgehalten hat. «Die Natur ist selbst ein riesiges Kunstwerk und in ihrer Schönheit ein starkes Indiz für die Existenz Gottes», sagt der junge Musiker und spricht mit viel philosophischem Interesse über die Beziehungen zwischen Natur, Musik und Religion.

Musik grosser Komponisten nütze sich nicht ab, weiss Jonathan C. Meier und erzählt voller Bewunderung von Antonio Vivaldi und der «Perfektion im Einfachen», mit der dieser seine «Vier Jahreszeiten» komponiert habe. Er selbst wolle mit seinem Opus 1 über die fünf Tageszeiten dem Publikum die Schönheit der Natur musikalisch näherbringen: «Vielleicht kann Musik ja auch Fragen nach dem tieferen Sinn unseres Daseins auslösen.»

Lateinisch hat er die fünf Tageszeiten Morgen, Mittag, Nachmittag, Abend und Nacht angeschrieben. Komponieren für Orchester sei die höchste Form des Komponierens, sagt der junge Musiker, der derzeit im Rahmen seines Zivildiensts als Assistenzlehrer in einer heilpädagogischen Schule arbeitet. «Beim Komponieren habe ich gemerkt, dass das eher eine Arbeit des Wegstreichens als des Schreibens ist. Was musikalisch nicht verhebt, muss weg.» Einmal gefundene Ideen wieder zu löschen, falle ihm nicht schwer. «Ein musikalisches Motiv muss wirklich sitzen und berühren, da bin ich Perfektionist.» Will Jonathan C. Meier einmal professioneller Komponist werden? Filmmusik schwebt ihm vor, aber er mag gar nichts, was bei der Musik mit Theorie oder Analyse zu tun hat. «Daran sind meine Studienpläne bisher gescheitert.»

Musik über den Menschen

Pilot oder Architekt wären Berufe, die ihn auch interessieren. Aber Musik schreiben will er immer. Mit einigen eigenen Songs ist er im Sommer mit Freunden durch Europa gezogen und hat Strassenmusik gemacht. Und er träumt von einem ganz grossen Musikstück. «Es könnte ein Megawork sein, multimedial, mit Lightshow und ganz verschiedenen musikalischen Stilen.» Und nur beim blossen Effekt sollte es auch da nicht bleiben. Jonathan C. Meier wünscht sich nichts weniger als «ein Werk, wo ich den Menschen musikalisch durch die Menschheitsgeschichte führen würde». Sagt's und wird dabei wieder ziemlich philosophisch.

Do, 20.12., Tonhalle, 20 Uhr; das Orchester Musikfreunde St. Gallen spielt neben Jonathan C. Meier Werke von Sibelius und Reger; www.musikfreunde.ch

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