Bärtatzige Persiflage

Am Schauspielhaus Zürich feierte am vergangenen Samstag das Stück «Frau Schmitz», ein Auftragsstück des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss, eine grossartige Premiere.

24. Oktober 2016, 02:40
Brigitte Schmid-Gugler

Es ist alles da. Und doch fehlt es an allem: Kein Bühnenbild, keine Requisiten, keine Musik. Viel dunkler Raum und ziemlich leer der grosse Bühnenraum am Pfauen. Ausser den neun Menschen, die auf neun Stühlen sitzen. In einer Reihe. Am Bühnenrand. Das ist die Ein- und Ausgangslage bei «Frau Schmitz», die in einer nicht näher umschriebenen Firma arbeitet. In Frauenkleidern. Als Mann. Als es bei einem Zulieferer in Pakistan zu Ausfällen kommt, will man Frau Schmitz nach Karachi schicken, um die Sache zu klären. Aber als Frau – insbesondere als «solche» Frau – will der Chef sie nicht gehen lassen. Sie soll sich halt als Mann «verkleiden» und dann mal huschhusch die Sache ins Lot bringen. Frau Schmitz , oder besser ihre Frau Leni, holt einen alten Anzug aus dem Schrank und lässt ihre Frau (ihren Mann), Vater der gemeinsamen Tochter, reisen. Erstaunen und Neid herrschen nach der Rückkehr: Frau Schmitz meistert den Auftrag mit Bravour, der Chef will sie (ihn) gleich befördern. So er sich denn entschliesst, bei seinem Mannsein zu bleiben.

Irrwege der Liebe

Die geheimnisvolle Frau Schmitz, ab Szene 1 bis 34 von der Schauspielerin Friederike Wagner, für die letzten beiden Szenen vom Schauspieler Lambert Hamel (wunderbar!) gegeben, hat mit ihrem zwischengeschlechtlichen Dasein bis zu diesem Zeitpunkt das «Reizklima» derart angeheizt, dass in der Firma alles aus den Fugen gerät. Kein Kobold Puck, der wie in Shakespeares Sommernachtstraum ein Wundersäftchen auf die Lider der Verwirrten und Verwechselten träufelt. Doch ebenso wie in der 500 Jahre alten Komödie entzündet sich ein Wirrwarr der Gefühle. Lukas Bärfuss, im Gespann mit der Hausherrin und Regisseurin Barbara Frey ein längst erprobter und erfahrener Hausautor, hat den zehn Schauspielerinnen und Schauspielern das Stück auf den Leib geschrieben. Und das ist sie dann, die Überraschung des Abends: Ohne jegliches Dekor, ohne fliegende Türen und ohne Aktionen – von zwei blutenden Nasen, einem schönheitsoperierten Ohr und den Stuhlwechseln abgesehen –– spielt sich vor den Augen des Publikums Szene um Szene ab, so, als stünden wir mindestens mit der Nase an den Fensterscheiben der Firma. Subtil und vor allen Dingen voller Witz und Komik, dass man sich nach rund 90 Minuten die Augen reibt und fast ein bisschen enttäuscht fragt, warum Trieb und Treiben nicht noch ein bisschen weiter sprudeln können. In knapp gefassten Wortgefechten spielt sich das Ensemble zur Hochleistung. Frau Schmitz ist dabei der kaum sprechende Pingpong-Ball. Die Scheinwerfer beleuchten die jeweils sprechenden Personen. Lediglich mit der Körperhaltung und selbstredend mit der sprachlichen und stimmlichen Elastizität klatscht das Ensemble die Regenbogen-bunte Palette der Fragestellungen nach menschlicher Identität, Freiheit und der Definition von Geschlechterzugehörigkeit ins Publikum.

Gut geführtes, phantastisches Ensemble

Das kann nur einem grandiosen Ensemble mit einer Regie gelingen, die ein feines Händchen hat für genau diese Konstellation von Bühnenstoff, Figuren, Besetzung und ihrem Anschluss an das Umtriebige, Weinerliche, Arrogante, Rechthaberische, Verkorkste und Einsame in der Menschenseele. Das ist gutes Theater.

Vorstellungen: 24/30.10.; 4.11., Schauspielhaus Zürich

Leserkommentare

Anzeige: