BUCH DER WOCHE

21. August 2013, 02:33

Mit dem eigenen Tod musst du sterben, mit dem der anderen leben

Die Landschaft, in der Henriette Vasarhelyis «immeer» spielt, ist kein Gelände, das man freiwillig betritt: Es geht in dem Début der 36-Jährigen um die Höhen und Tiefen des langsamen Sterbens eines jungen Mannes. Höhen und Tiefen, die man als Leserin gleichsam spiegelbildlich zu sehen bekommt, wenn sie sich nach seinem Tod im Leben seiner Freundin Eva Blach wiederholen.

Ausgezeichnetes Manuskript

So wie in einem Gedicht von Mascha Kaléko, in dem es heisst, dass man den eignen Tod «nur sterben» müsse, «doch mit dem Tod der andern musst du leben». Mit ihrem Manuskript gewann die in Biel lebende Deutsche Vasarhelyi den Studer-Ganz-Preis 2012, der mit 5000 Franken und einer Veröffentlichung im Dörlemann-Verlag gekoppelt ist.

Die Geschichte von Jans immer nachwachsendem Hirntumor ist eine quälend lange. Doch irgendwo scheint die düstere Drohung immer gehockt zu haben in der langen gemeinsamen Geschichte von Jan und Eva, die begann, als Jan 13 war. Zu dieser Geschichte gehört auch Heiner und ihre gemeinsame Berliner WG; später Heiners Alkohol-und Drogenexzesse, die Eva irgendwann nicht mehr dulden will; gehört auch die Geschichte, dass Eva ihn als Dealer verrät, und schliesslich, dass Jan irgendwann nur noch Heiner sehen und nicht mehr länger mit Eva zusammenwohnen will.

Eine verschworene jugendliche Gemeinschaft, die Eifersucht und wechselnde Loyalitäten durchläuft; Grenzen sprengt und Autoritäten herausfordert, und die immer wieder versucht, das Unvergessliche zu vergessen: dass ihnen dreien jene Unbeschwertheit der Jugend nur bis dorthin möglich ist, wo sie die Zeitbombe ticken hören.

Chronologie der Entfremdung

Es ist eine Chronologie jener Selbstentfremdung, die durch die Krankheit Hirntumor geschieht; einer Verstörung, die aber Eva eher näher an Jan heranrückt statt von ihm fort. Die Ich-Erzählerin rekapituliert. Erinnerungsfetzen schieben sich hinein in den Stoff von ihrem Hier und Heute; von ihrem Joballtag in einem Hotel, von den vergeblichen Versuchen von Jans Eltern, sie zu erreichen, um die Sachen ihres Sohnes abzuholen; von Rupert Monn, den sie kennenlernt, weil sie Jans Telefonnummer angerufen hat, und sich eine neue Stimme meldet.

In der Erzählzeit des Buches ist Jan tot – aber der Alb seines möglicherweise nahen Todes, der über dem Leben lag, ist für Eva nun der Alb der Erinnerung geworden. Kaum hat sie es geschafft, seine Sachen in Kisten zu räumen und vor die Wohnung zustellen, räumt sie sie wieder zurück, «um meine Erinnerungsfähigkeit zu überprüfen (weil ich sehen will), ob in meinem Kopf eingebrannt ist, wo alles gestanden hat, ob ich noch weiss, wie alles gewesen ist in meinem längst verstrichenen Damals.» Nein, ihr Weg des Abschiednehmens ist keiner, der irgendeiner Ordnung folgen würde. Oder gar ihres neuen Freundes Rupert Monns Hoffnung, dass langsam wieder «Normalität» einkehre.

Mit zornigem Witz

Fast scheint es, als sei Eva selbst sterbenskrank; sie erbricht sich, bleibt der Arbeit fern, zieht sich immer weiter in sich selbst zurück und erzählt ihre wichtigsten Gedanken den Fliegen, die sie danach erschlägt.

Lapidar, mit zornigem Witz, zeichnet sie das Protokoll ihres Alltags. Wohin gehen Intimität, Liebe, Identität, wenn all das mit jemand gewachsen ist, der nun nicht mehr da ist? Diese grosse Frage stellt Vasarhelyi in den Raum, und sie wird nicht leichter zu tragen durch ihre Erinnerungen daran, dass Jan nicht ihr Geliebter, sondern homosexuell war. Wohin geht Eva, die mit alldem nicht fertig werden kann?

Henriette Vasarhelyi erzählt so, dass man die Logik der Vereinsamung ihrer Protagonistin, ihrer Verweigerung von Rückkehr ins Reich der Lebenden zu begreifen meint. Ihre Sprache ist packend, klar und tief; vielleicht liegt das am Meer, das den Fluchtpunkt des Romans darstellt. Dort spielen der Anfang und das Ende des Romans; liegt der Sehnsuchtsort von Jan und Eva, die ihn auch im Tod nicht verlassen will.

Bernadette Conrad

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