Aufräumen auf dem Balkan

FRAME-FILMTIPP ⋅ Mit «A Good Wife» legt die serbische Schauspielerin Mirjana Karanovic ein starkes Regiedebüt vor, das unter die Haut geht.

24. November 2016, 15:42
Christian Jungen
Was für ein starkes Regiedebüt! Mirjana Karanovic, die charismatische Schauspielerin aus Filmen wie «Das Fräulein» und «Grbavica» , hat ein intensives Drama inszeniert, das unter die Haut geht. Die attraktive 59-Jährige, die auch junge Männer zum Träumen bringt, spielt die Hauptrolle gleich selber.

In der ersten Szene sehen wir, wie sie sich oben ohne in einem Spiegel betrachtet. Sie verkörpert Milena, eine serbische Hausfrau mittleren Alters, die sich schön macht, um auszugehen. Alles in ihrem Leben wirkt routiniert, der Umgang mit Freunden, der Besuch des verwöhnten Sohnes, der Sex mit dem Ehemann (Boris Isakovic). Man schaut der Charakterdarstellerin gerne zu, und just als man sich fragt: Lauert da noch ein Drama am Horizont?, passiert es: Bei einer Routine-Untersuchung vermutet die Ärztin bei ihr Brustkrebs und schickt sie zur Mammografie.



Doch Marina verdrängt das Unangenehme, so wie sie die Vergangenheit ihres Mannes ausblendet, der während der Kriege in Ex-Jugoslawien bei der Sonderpolizei arbeitete und nun von einem versoffenen Kumpel erpresst wird.

Es ist kein Zufall, dass Karanovic auf den Körper fokussiert. Sie etabliert ihn als Metapher für den Zustand ihrer Familie und der serbischen Gesellschaft. Dass darin eine krank machende Kraft wuchert, wird spätestens dann klar, als Marina beim Frühlingsputz eine alte VHS-Kassette findet, auf der ihr Mann beim Verüben von Kriegsverbrechen zu sehen ist. Nun muss sich die Frau der Vergangenheit stellen und einen schmerzhaften Schnitt in ihrem Leben machen.

«A Good Wife» basiert auf einer wahren Begebenheit, dem Fall Skorpion über das Massaker einer paramilitärischen serbischen Einheit, die Bosnier exekutierte. Karanovic hat daraus ein klug aufgebautes Drama über die Aufarbeitung des Verdrängten gemacht, über die unheimlichen Kompromisse, welche die Leute nach dem Krieg eingehen mussten. Der Film, in dem Karanovic in jeder Szene im Bild ist, zieht einen ab der ersten Szene in seinen Bann. Beeindruckend ist, wie sie in Bildern zu erzählen weiss, so dass ihre Figuren nicht alles verbalisieren müssen.

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