Als Kasperlitheater beschimpft

VERKANNT ⋅ Malen war für Ferdinand Gehr ­religiöse Inspiration. Anfangs umstritten, zählt der Rheintaler heute zu den grossen Kirchenmalern des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung rückt ihn in ein neues Licht.
07. Dezember 2016, 05:38
Christina Peege

Christina Peege

focus@tagblatt.ch

«Kunst am Bau» kennt jeder. Wenn nicht gerade politisch bestritten oder weggekürzt, bereichert sie öffentliche Bauten und wertet sie auf. Was man sich unter dem Titel «Bauen an der Kunst» vorstellen muss, ist schon schwieriger zu erklären. Denn es ist eine Besonderheit des St. Galler Kunstmalers Ferdinand Gehr (1896 in Niederwil – 1996 in Altstätten). Das Kunstmuseum Olten schält nun aus dessen facettenreichem Werk diese Besonderheit heraus, nämlich die Projekte, die Gehr in der Öffentlichkeit und in Kirchen verwirklicht hat. Auf zwei Etagen werden die farbstarken Entwürfe zu den öffentlichen Aufträgen ausgebreitet und neben (leider viel zu kleine) Fotografien der Bauten gestellt.

Sein Bilder wurden hinter Vorhängen versteckt

Gehr trat zu seiner Zeit einen Bilderstreit los. Ein Korrespondent des «Fürstenländers» schrieb 1953 über seine Kunst: «Was da an der Wand steht, ist ein Kasperlitheater; es fehlt nur noch der Faden dazu.» Geschmäht werden die von Gehr gemalten Figuren an der Chorwand der Kirche St. Marien in Olten. «Wer Ausdrücke wie Kasperlitheater findet, bezeugt, dass er in seinem Formempfinden nicht über das Kasperlitheater hinaus gebildet ist», schmettert ein anderer Korrespondent in derselben Zeitung den Kritiker ab. In Wettingen wurden seine Fresken zerstört, andernorts hinter Vorhängen versteckt.

Wer durch die hell und luftig gestaltete Ausstellung spaziert, sieht zunächst fast kindlich anmutende Figuren. Es sind Wesen, leuchtend farbig, oft in Gouache, zu einfachsten Formen reduziert. Sie stehen frontal vor dem Betrachter und in Räumen ohne Perspektive. Die oft erhoben dargestellten Hände haben die Kritiker einst an Kasperli erinnert. Wer schon einmal mit offenen Augen an einer romanischen Kirche vorbeigegangen ist, die Kunst in Roms Katakomben oder in den byzantinisch geprägten Kirchen Ravennas gesehen hat, erkennt den kunsthistorischen Hintergrund des Altstätters sofort. Die «marionettenhaft» erhobenen Hände sind ein jahrhundertealter Gebetsgestus. Christus begegnet einem in der frühen Kunst und ebenso bei Gehr nie als Leidender und Gekreuzigter, sondern stehend oder thronend als Auferstandener, als Lichtgestalt und Sieger über den Tod und die Finsternis. Eigentümlich für den Künstler – aber typisch für das 20. Jahrhundert – ist der Zug zur Abstraktion der Figur. Der Künstler schrieb in einem Brief: «Abstrakte Kunst lässt Äusserliches weg und weist auf das Innere hin.»

Gehr ist mit über 140 Arbeiten in der Öffentlichkeit präsent wie kaum ein anderer Künstler. Wie ein vom Maler selbst gebautes Miniatur-Modell eines Kirchenraumes zeigt, vermochte er sich in die Gedankenwelt der Architekten hinein zu versetzen und ihre räumlichen Ideen durch die Malerei noch zu steigern. So hat Gehr an der Kunst der Architekten (weiter)gebaut, wie das Chorwandfresko der Kapelle St. Antonius in Plona bei Rüthi besonders schön illustriert. Eindrücklich ist selbst an den Entwurfsarbeiten, wie souverän sich der Künstler im komplexen Spannungsfeld von Kunst und Architektur bewegt. Die Lebensfreude, die von den Figuren ausgeht, packt längst nicht nur Gläubige.

Hinweis

Bis 26. Februar 2017.

www.kunstmuseumolten.ch


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