24'000 Küsse

AZZURRO ⋅ Adriano Celentano, der Sänger, Schauspieler und Entertainer mit grosser Klappe, lässt in Italien niemanden kalt. Er ist seit 50 Jahren die gefühlte Nummer 1 in seinem Land. Nun wird er 80.
31. Dezember 2017, 11:19
Katja Fischer De Santi

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Alles begann mit Federico Fellinis Film «La Dolce Vita». Da rast ein Gitarre spielender Mann, wie vom Affen gebissen, über die Leinwand und schmettert in schönstem Italo-Englisch einen Rock-n-Roll-Song. Das war 1959 und der Irre mit der Gitarre war Adriano Celentano. Damals 21 Jahre jung und vom Virus des Rock ’n’ Roll derart befallen, dass er mit seinem Fieber wenig später ganz Italien ansteckte.

Fellini ist längst tot, der Rock ’n’ Roll wird jedes Jahr aufs neue beerdigt, der Schlager zum x-ten Mal neu erfunden, nur Adriano Celentano, der ist immer noch da. 80 Jahre alt wird der Sänger, Schauspieler und Entertainer nächste Woche.

Ausserhalb Italiens ist Celentano der Typ, der seit einem halben Jahrhundert jede Sommer­disco mit dem Überhit «Azzurro» beschallt. In Italien ist «Il molleggiato – der Federnde» eine lebende Ikone. Sein federnder Gang, sein Tanzstil, seine Hymnen und Filme sind italienisches Kulturgut. Trotz Reibeisenstimme, schütterem Haar und einem Lachen, das ihn aussehen lässt wie ein wieherndes Pferd, hat es der Macho aus Mailand weit gebracht. Als der Nationalbarde in Verona 75-jährig zum Konzert bat, schalteten sich neun Millionen Zuschauer zur Liveübertragung dazu.
 

«Celentano bleibt – im Guten wie im Schlechten»

Sein Schaffen, sei es noch so klamaukig und trashig, wird in Italien wunderbar verklärt. Was er auch auf den Markt schmeisst, es wird ein Hit. Der gebürtige Mailänder dominiert die Hitparade seines Landes seit Jahrzehnten. Er hat über 50 Alben herausgegeben, 150 Millionen Platten verkauft. Mit Liedern wie «Storia d’amore», «Il ragazzo della via Gluck» oder «24000 Baci» erlangte er in den 1960er-Jahren internationalen Ruhm. Selbstredend, dass sein letztes Album, das er 2016 mit der Sängerin Mina herausbrachte, erneut die italienischen Charts stürmte. Der Musikjournalist Gianfranco Baldazzi bemerkte einst lakonisch: «Die Moden kommen und gehen, Celentano – im Guten wie im Schlechten – bleibt.» Was Adriano Celentano auszeichnet: Der Mann hat Mut zur Hässlichkeit. Keine Verrenkung, keine Verkleidung ist ihm peinlich. Niemand kann so theatralisch Trauben stampfen, so ekstatisch Holz hacken wie Celentano (in «Der gezähmte Widerspenstige») und dabei tatsächlich noch sexy wirken. Seine Körperzuckungen, etwa zu «Yuppi du» von 1974, sind auf Youtube noch heute faszinierend anzuschauen.

Adriano Celentano ist eine Marke. Doch seine wahre Waffe ist die Erneuerung: Stets weiss er sich mit Leuten zu umgeben, die ihn weiterbringen. Einst schrieb Paolo Conte für ihn Hits wie «Azzurro» oder «La coppia più bella del mondo». Rock-Chanteuse Carmen Consoli unterstützte ihn und dank Rapper Jovanotti verliert er auch den Anschluss an die Jüngeren nicht. Seine Musik war und ist stets eine gekonnte Mischung aus musikalischer Re- volution «Svalutation» und Schmachtfetzen fürs Gemüt «Il tempo se ne va». Seine Texte aber haben es stets in sich. Gerne kommentiert er das Weltgeschehen, prangert Bausünden an. Er entschuldigt sich bei seiner Ehefrau singenderweise für einen Seitensprung mit Filmpartnerin Ornella Muti. Ruft zum Sexstreik auf «Chi non lavora non fa l’amore», lästert im fortgeschrittenen Alter auch mal gegen Lesben oder behauptet, den Hip-Hop erfunden zu haben.
 

Das Raubein mit weichem Kern und die Sexbombe

Alleine mit Singen hätte «L’Unico», wie ihn seine Fans nennen, aber kaum je diesen Kultstatus erreicht. Die Schauspielerei war von Anbeginn sein zweites Standbein. In mehr als 35 Filmen hat er mitgespielt. Bei einigen steuerte er auch gleich das Drehbuch bei und führte Regie. In den 1970ern und frühen 1980ern legte er sich immer mehr auf Slapstick-Komödien fest, in denen er meistens einen trotteligen, Grimassen schneidenden Helden spielte, der am Ende siegte und das Mädchen bekam. Als besonders erfolgreich erwies sich die Rollenverteilung Celentano (Raubein mit weichem Kern) und Ornella Muti (unwiderstehliche Sexbombe). Ihre gemeinsamen Filme «Gib dem Affen Zucker» und «Der gezähmte Widerspenstige» füllten Anfang der 1980er-Jahre auch hierzulande die Kinosäle. Und liefen vielfach im TV.

Legendär sind auch seine vielen TV-Auftritte, die schliesslich in einer eigenen Fernsehshow mit dem Titel «Fantastico» gipfelten. Ein quotenträchtiges Format, in dem er von 1978 bis 1988 gegen Atomkraft, Korruption, Banken und Politik wetterte oder auch mal Minuten lang nichts anderes tat, als vor der Kamera auf und ab zu schreiten. Es schauten trotzdem bis zu 12 Millionen Italiener zu. 2005 konnte er erneut einen Vertrag als Moderator bei RAI unterschreiben: Celentano stänkerte in seiner «Rockpolitik» ungeniert gegen Regierungschef Silvio Berlusconi. Er war die einzige kritische Stimme, die im Staatsfernsehen überhaupt zu Wort kam: Sich mit Celentano anzulegen, wäre selbst für Silvio Berlusconi ein Risiko gewesen.

Kürzlich machte «Il Grande» Schlagzeilen, weil er sich in seinem 30-Zimmer-Palast, in der Provinz Lecco, nahe bei Mailand, nicht mehr sicher fühlte und die gesamte örtliche Polizei zu seinem Schutz antraben liess. Bleibt zu hoffen, dass an seinem 80. Geburtstag am 6. Januar alles ruhig bleibt. Seine Frau, die Schauspielerin Claudia Mori, wird dafür sorgen. Sie ist seit 53 Jahren mit Adriano Celentano verheiratet.


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