«Wir haben einen Plan»

UMWELT ⋅ Die kanadische Umweltministerin Catherine McKenna erklärt, wie sie das Riesenland auf Kurs mit den Klimazielen bringen will. Sie ist überzeugt, dass Trump allein den internationalen Fortschritt beim Kampf gegen den Klimawandel nicht stoppen kann.
13. November 2017, 07:21
Interview: Gerd Braune, Ottawa

Interview: Gerd Braune, Ottawa

Catherine McKenna, Ihr Ministerium heisst nicht nur «Umwelt­ministerium», sondern «für Umwelt und Klimawandel». Wieso?

Der Premierminister wollte ein Signal setzen. Die frühere Regierung hatte das nicht angepackt. Sie sprach nicht über Klimawandel. Der Name soll klarmachen, dass dies für uns eine Priorität ist.

Sie nehmen in Bonn an der dritten UNO-Klimakonferenz teil. Welche Bedeutung hat diese Konferenz?

Es ist wichtig zu zeigen, dass die Welt beim Klimaschutz vorankommt. Der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen hat Sorgen ausgelöst. Ich habe aber gesehen, dass die USA auf der Ebene der Bundesstaaten, der Städte und der Wirtschaft ihre Bemühungen intensivieren. Es ist die ganze Welt, es ist die Wirtschaft, die mit verschiedenen Ebenen der Regierungen zusammenarbeitet. Das hat einen grossen Einfluss auf die Märkte. Wir sehen, dass die Kosten für saubere Energie sinken.

Was hat der Entscheid der USA für Folgen für die Klimapolitik?

Als Trump ankündigte, dass er das Pariser Abkommen aufkündigen will, haben sich einige Persönlichkeiten zu Wort gemeldet. Der CEO von Goldman-Sachs äusserte Enttäuschung über den Rückzug der USA. Wir sehen quer durch die USA Unternehmen, die sich zu 100 Prozent erneuerbarer Energie verpflichtet haben. Den Menschen in den USA wurde bewusst, dass sie nun antreten müssen und dass eine einzelne Regierung den Fortschritt nicht stoppen kann.

Welche Ziele verfolgen Sie in Bonn?

Wir wollen zeigen, dass wir eine Führungsrolle haben und dass wir zu Hause einen robusten Klimaplan haben. Ein Schwerpunkt wird der Kohleausstieg sein. Wir arbeiten daran, die Welt beim Ausstieg aus der Kohle, dem am stärksten umweltbelastenden fossilen Brennstoff, zusammenzubringen. Wir wissen, dass wir die Ziele des Pariser Abkommens nur erreichen, wenn wir letztendlich aus der Kohle aussteigen.

Sie sprachen jüngst in einer Rede den «feministischen» Aspekt der Klimapolitik an. Was meinen Sie damit?

Unser Premierminister ist ein feministischer Premierminister. Deshalb ist es für Kanada wichtig, mit einem «Gender Action Plan» voranzukommen. Wir hoffen, ihn in Bonn verabschieden zu können. Frauen sind vom Klimawandel oft überproportional stark betroffen, vor allem in Entwicklungsländern, wo sie längere Wege gehen müssen, um zu Wasser zu gelangen. Es geht auch darum, Frauen an den Verhandlungstisch zu bekommen. Wir bilden Frauen in Verhandlungsführung aus. Und wir setzen uns für die indigenen Völker und die Anerkennung ihrer Rechte ein.

Welche Schritte haben Sie zuletzt unternommen?

Letztes Jahr verkündeten wir unseren Klimaplan. Er enthält Massnahmen vom Kohlenstoffpreis für Emissionen für das ganze Land über Kohleausstieg und Nullenergiehäuser bis zu einer Strategie für Elektromobile und die Reduzierung von Methanemissionen durch Öl und Gas. Wir machen historische Investitionen in öffentlichen Verkehr und saubere Technologien. Umwelt und Wirtschaft gehen Hand in Hand. Ich habe drei Kinder und fühle mich verpflichtet, den ­Klimawandel zu bekämpfen.

Welche besonderen Heraus­forderungen gibt es für Klimapolitik in Kanada?

Wir sind eine Föderation, und jede Provinz ist anders. Man kann nicht einfach Pläne verfügen, man muss zusammenarbeiten. Wir sind in einer Übergangsphase. Wir werden es nicht über Nacht schaffen. Man muss die Auswirkungen der Politik auf Menschen und Gemeinden beachten. Jeder muss fühlen, dass er in dieser Phase einen Platz hat.

Kanada stösst pro Jahr etwa 722 Me­ga­tonnen CO2 aus und ist nach dem Bericht Ihrer Umweltbeauf­tragten der neuntgrösste Emittent von Treibhausgasen weltweit. ­Warum sind Sie jetzt optimistisch?

Weil wir einen Plan haben. Frühere Regierungen haben Ziele gesetzt, hatten aber keine Pläne. Wir haben viel Zeit aufgewendet, um festzustellen, welche Politik sinnvoll ist und wie wir mit den Provinzen zusammenarbeiten können. Ich habe die Hoffnung, dass wir lange an der Regierung sind, aber es kann zu einem Regierungswechsel kommen. Wir möchten sicherstellen, dass unsere Politik dann Bestand hat, weil das ein richtiger Weg ist. Wir sehen in den USA, dass auf Bundesebene wichtige Teile der Gesetzgebung zurückgezogen werden. Das möchte ich nicht in Kanada sehen.

Sie haben einen ehrgeizigen Plan im Klimaschutz. Ihre Energiepolitik aber hat Enttäuschung bei Umweltschützern ausgelöst.

Wir sind in einem Übergang. Wir können nicht über Nacht die Wirtschaft still­legen, selbst wenn wir es wollten. Es gibt aber wichtige Schritte. In Alberta zum Beispiel hat die Regierung erstmals eine Obergrenze für Emissionen der Ölsandindustrie gesetzt und den Kohleausstieg ankündigt. Dies ist nicht leicht. Natürlich muss jeder mehr tun. Aber man muss auch die Menschen zusammenbringen. Ich muss Politik machen, die ehrgeizig ist, die aber auch funktioniert.

Ist eine Balance zwischen Rohstoffindustrie und sauberem Wachstum möglich?

Beides geht zusammen. Wenn man die Umwelt schädigt, kann die Volkswirtschaft nicht wachsen. Wir sehen die grossen Folgen von Klimawandel für die Wirtschaft Kanadas. Fluten, Waldbrände, die auftauende Arktis, Trocken­heiten. Dies sind schwere ökonomische Folgen. Die Möglichkeiten, die sauberes Wachstum bietet, sind gross.

Zur Person

Catherine McKenna (46) wurde von Justin Trudeau zur «Ministerin für Umwelt und Klimawandel» berufen. Der Juristin aus Ottawa obliegt die Aufgabe Kanadas Aufholjagd bei der CO2-Reduzierung zu gestalten. In Bonn nimmt sie als Delegationsleiterin Kanadas teil. McKenna ist verheiratet und hat drei Kinder.


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