Erdogan wirbt an Gedenkfeier für Todesstrafe

TÜRKEI ⋅ Ein Jahr nach dem gescheiterten Militärputsch hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Gnade für die Verantwortlichen ausgeschlossen: "Wir werden diesen Verrätern den Kopf abreissen." Er liess sich vor hunderttausenden Anhängern in Istanbul und Ankara feiern.
Aktualisiert: 
16.07.2017, 04:32
15. Juli 2017, 07:31

Die Türkei beging am Samstag und in der Nacht auf Sonntag mit einer Reihe von Gedenkfeiern und Kundgebungen den ersten Jahrestag des gescheiterten Militärputsches gegen Erdogan. Hunderttausende Menschen folgten dem Aufruf der Regierung, sich auf einer Bosporus-Brücke in Istanbul zu versammeln, wo sich Putschisten und ihre Gegner vor einem Jahr blutige Kämpfe geliefert hatten.

Erdogan erneuerte sein Plädoyer für eine Wiedereinführung der Todesstrafe. Dabei warte er auf eine Entscheidung des Parlaments, sagte der Staatschef. "Wenn die Vorlage aus dem Parlament zu mir kommt, werde ich sie unterzeichnen." Er glaube auch daran, dass sie vom Parlament verabschiedet werde.

Viele der Zuhörer skandierten Parolen für die Todesstrafe; manche trugen Schlingen mit sich, um ihr Anliegen zu illustrieren. "Wir sind Tayyips Soldaten!", skandierte die Menge in Sprechchören.

Gebete in 90'000 Moscheen

Später trat Erdogan erneut vor tausenden Anhängern vor dem Parlament in Ankara auf - in Erinnerung an den Zeitpunkt, an dem es vor einem Jahr von den Putschisten bombardiert worden war. Das Land habe damals "der ganzen Welt gezeigt, was für ein Volk wird sind", sagte er. Nur mit einer Fahne und dem Glauben bewaffnet habe es sich den Panzern entgegengestellt.

In 90'000 Moscheen des Landes wurde derweil mit Gebeten der 249 Opfer der Putschisten gedacht.

Erdogan äusserte sich in seiner Rede voller Abscheu über die Putschisten. Er schlug vor, sie in Häftlingsuniformen nach dem Vorbild der berüchtigten orangefarbenen Overalls im US-Gefangenenlager Guantanamo zu stecken.

Opposition fordert Aufklärung

Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu warf der Regierung hingegen vor, unter dem Vorwand der Putschistenverfolgung die Rechtsstaatlichkeit auszuhöhlen und ihre Gegner auszuschalten. Gleichzeitig forderte er eine vollständige Aufklärung der Hintergründen des Putsches und der Rolle der Behörden.

Am Abend des 15. Juli 2016 hatte eine Gruppe Militärs versucht, die Macht in der Türkei an sich zu reissen. Sie besetzten Strassen und Brücken und bombardierten das Parlament und den Präsidentenpalast, doch scheiterte der Umsturzversuch am Widerstand der Bevölkerung.

Erdogans Regierung macht den islamischen Prediger Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich. Der in den USA lebende Geistliche bestreitet jede Verwicklung.

Nach der Niederschlagung des Putschversuchs hatte die Regierung mit aller Härte gegen ihre Kritiker und politischen Gegner durchgegriffen. Mehr als 50'000 Menschen wurden inhaftiert, mehr als 100'000 Staatsbedienstete entlassen oder vom Dienst suspendiert. Betroffen sind neben tausenden Militärs, Polizisten, Staatsanwälten und Richtern auch kurdische Oppositionelle, kritische Journalisten und unabhängige Wissenschaftler. (sda/dpa/afp)


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